Barbarez' Weg zur WM – „Mich tausendmal vor dem Spiegel gefragt: Wow, bin ich das?“
Sergej Barbarez erlebte mit der bosnischen Nationalmannschaft in den Playoffs zur Weltmeisterschaft große Glücksgefühle und will mit seinen „Jungs“ nun bei der Endrunde in den USA, Kanada und Mexiko für Überraschungen sorgen. Dass sein Weg zur Anstellung als Nationaltrainer vor zwei Jahren ein ganz besonderer und ungewöhnlicher war, daran lässt der 54-Jährige selbst keinen Zweifel. Im Transfermarkt-Interview spricht Barbarez ganz offen über seinen risikoreichen Job, Emotionen und Stolz, seine Beziehung zu Edin Dzeko und Haris Tabakovic sowie die Rolle Bosniens als David gegen Goliath. Zudem verrät der Ex-Bundesliga-Torschützenkönig, wie nervös er vor seiner ersten Teamrede war und wie sich seine Kommunikation seitdem verändert hat.
Transfermarkt: Herr Barbarez, nachträglich noch einmal Glückwunsch zur Qualifikation für die WM. Was ging in Ihnen vor, als der finale Elfmeter von Esmir Bajraktarevic drin war und Sie Italien in den Playoffs bezwungen haben (zum Spielbericht)?
Sergej Barbarez: Ich habe mir eigentlich nicht so viele Gedanken gemacht, auch aus der Erfahrung gegen Wales (Bosnien siegte im Halbfinale; d. Red.) heraus. Wir haben die Reihenfolge der Elfmeterschützen festgelegt und an die Jungs geglaubt, aber Sicherheit gibt es nicht. Wir haben Elfmeter trainiert, und wenn du weißt, dass du mit Nikola Vasilj einen guten Torhüter drin hast, denkst du zwar nicht, dass du es automatisch schaffst, aber du bist schon ein wenig ruhiger. Und so war es auch gegen Italien. Ich habe mitgefiebert, aber es war jetzt nicht so, dass ich groß nachgedacht habe. Die Stimmung und Emotionen danach waren jedoch mit Sicherheit bis jetzt das größte Ereignis. Nicht nur für mich, sondern für alle.
Transfermarkt: Haben Sie bei den anschließenden Feierlichkeiten Ausdauer gezeigt?
Barbarez: Ich habe mich als sehr braver Trainer zurückgehalten (schmunzelt). Ich war mit meinem Staff im Hotel, und wir haben angestoßen. Ich war sehr glücklich. Die Spieler haben wir in Ruhe gelassen. Alles easy going.
Transfermarkt: Sie haben Bosnien-Herzegowina erstmals seit 2014 wieder zu einer WM geführt. Was bedeutet Ihnen dieses historische Ergebnis persönlich?
Barbarez: Wissen Sie, ich habe lange aufgehört, jemandem etwas zu beweisen, weil es sich um meinen ersten richtigen Trainerjob handelt – und dann direkt als Nationaltrainer. Ich bin mit mir selbst im Reinen, ich tue das, was ich kann. Ich war mir immer sicher, deswegen habe ich nach meiner Karriere auch meine Lizenz gemacht und mich sehr intensiv damit beschäftigt.
Transfermarkt: Mit welcher Haltung gehen Sie Ihren Job an?
Barbarez: Mein erster Gedanke ist stets: Ich möchte mir immer wieder selbst aufs Neue beweisen, dass ich dieses Feuer habe. Ich wusste, was zu tun war, und natürlich kam dann der Erfolg. Denn ich habe einen guten Staff. Wir haben im Team oft die gleichen Gedanken. Am Anfang mussten wir richtig aufräumen. Uns war von Beginn an klar, dass dieser Job auch sehr risikoreich ist, denn mit der Nationalmannschaft hast du nur zehn Trainingseinheiten und zehn Spiele im Jahr und deshalb keine Zeit, großartig zu trainieren. Aber wir wussten, für welche Werte die Nationalmannschaft stehen muss. Wir haben es geschafft, neue Jungs zu begeistern, mit sehr viel Risiko sehr vieles probiert. Und ich glaube, ein Fall wie unserer existiert sonst nirgendwo im Fußball. (lacht)

Transfermarkt: Worauf wollen Sie hinaus?
Barbarez: Da kommt jemand, der zuvor noch kein Team trainiert hat. Ich erzähle immer gerne von meinen ersten fünf Spielen, davon waren vier auswärts. Und als Schlag obendrauf ging es noch gegen Deutschland. Das war schon brutal. Wir sind mit jungen Leuten angetreten, teilweise lag der Schnitt bei unter 25 Jahren. Für mich war es entscheidend, mit welcher Art und Weise wir durch die erste Qualifikation gegangen sind. Darum geht es.
Barbarez' Einstieg als Nationaltrainer Bosniens: Keine Zweifel, dafür viel Stolz
Transfermarkt: Sie kommen auf 330 Einsätze als Bundesliga-Profi für den HSV, Bayer 04 Leverkusen, Hansa Rostock und Borussia Dortmund, für Ihr Land standen Sie 47-mal auf dem Platz. Wie herausfordernd war Ihr Einstieg als Nationalcoach ohne vorherige Erfahrung?
Barbarez: Ich frage meine Jungs immer, ob sie wissen, warum ich in meiner Karriere Erfolg hatte? Weil ich diesen verdammten Ball geliebt habe und ihn noch immer liebe. Und wenn du eine Sache liebst, kommt der richtige Weg auf dich selbst zu. Du musst ab und zu gute Entscheidungen treffen. Als Nationaltrainer lebe ich jetzt auch diese Emotionen. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich voller Emotionen bin. Ich liebe dieses Leben und die Situationen als Nationaltrainer. Das ist großartig und kann ich gar nicht in Worte fassen.
Transfermarkt: Gab es in den ersten Monaten als Trainer Momente, in denen Sie gemerkt haben, dass Coaching deutlich komplexer ist, als Sie es sich vorgestellt hatten?
Barbarez: Glauben Sie mir: Ich hatte keine einzige Sekunde lang Zweifel. Dazu gibt es eine schöne Geschichte. Ich habe ein Video mit einem Psychologen und Mentalcoach gesehen. Wenn Menschen sehr viel und etwas sehr gerne tun, die Ergebnisse von außen aber nicht sofort sichtbar sind, sehen wir trotzdem immer diese kleinen Schritte. Und wenn das Ergebnis am Ende auf diese schöne und brutale Art und Weise eintritt, ist das nicht auf einmal gekommen. Es waren fast zwei Jahre Arbeit, in dieser Zeit lässt sich sehr vieles bewegen. Man hat gesehen, was möglich ist, wenn wir die richtigen Spieler auswählen. Den Stolz tragen sie selbst in sich, aber es ist gut, wenn einer vorne steht, der das vorlebt. Das Wichtigste war es bei unserer Kommunikation, diesen Stolz zu präsentieren. Dass die Jungs gute Fußballer sind, wussten wir von Anfang an. Es war also keine Zauberei, aber wir konnten vieles bewegen.
Im Fußball hat sich sehr viel verändert, aber Emotionen können sich nicht verändern.
Transfermarkt: Welche Fähigkeiten aus Ihrer Spielerzeit helfen Ihnen heute am meisten in der täglichen Arbeit?
Barbarez: Genau das war die Idee bei der Zusammensetzung meines Staffs. Sieben von elf haben als Ex-Nationalspieler auf dem höchsten Niveau zusammengespielt. Es geht in der Ansprache um kleine Dinge, die man Spielern erzählen kann, darum, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollten. Unsere Erfahrungen als Nationalspieler helfen sehr, sie sind ein Schlüssel. Im Fußball hat sich sehr viel verändert, aber Emotionen können sich nicht verändern. Es wird immer darum gehen, alles für dein Land zu geben. Aber weil wir von der Nationalmannschaft reden, mische ich mich nicht in den Vereinsfußball ein.

Transfermarkt: Wann haben Sie konkret gemerkt, dass die Nationalmannschaft als Einheit zusammengewachsen ist?
Barbarez: Der Moment, in dem du merkst, dass die Jungs verstanden haben, was sie können, fesselt dich. Das war nach unserem Spiel gegen Rumänien im November (3:1; d. Red.). Ich habe sie angeschaut und gesehen, wie glücklich sie sind. Dass sie wissen, dass sie gut sind. Es gab von uns danach bewusst kein einziges Interview, in dem behauptet wurde, dass wir gegen Österreich, Wales oder Italien gewinnen werden. Ich war glücklich und recht zuversichtlich, dass unser Weg richtig gut ist.
Trainer Barbarez über die richtige Balance in Bosniens WM-Kader
Transfermarkt: Welche Werte sind für Sie in einer Mannschaft unverhandelbar?
Barbarez: Stolz ist eine Sache. Und ich sage jedem neuen Spieler: Wenn du die ersten Schritte in einem Hotel machst, in dem du eingeladen bist, will ich nur ein Lächeln. Die Spieler sollen Spaß und Energie haben und glücklich sein. Es ist etwas Besonderes für einen 18-Jährigen, wenn er zum ersten Mal Edin Dzeko sieht, weil der sein Idol war und er plötzlich mit ihm die Kabine teilt. Die richtige Balance zählt. Wir sind ein kleines Land und haben keinen großen Pool an Spielern. Wir müssen jedes Mal aufs Neue die richtigen finden. Es muss für jeden etwas Besonderes sein, Nationalspieler zu sein. Das war früher leider nicht immer der Fall.
Transfermarkt: Wie wäre der Trainer Sergej Barbarez mit dem Spieler Sergej Barbarez umgegangen?
Barbarez: Die Frage wurde mir schon einige Male gestellt. (lacht) Ich glaube, ich war immer ein sehr loyaler Spieler. Mit mir hatte fast kaum jemand ein Problem. Jeder Trainer wusste, dass ich für mein Team, das im Vordergrund stand, alles gegeben habe. So handele ich nun auch als Trainer. Ich liebe die Besonderheiten bei jedem Spieler. Sagen wir es so: Wir wären gute Freunde.
Transfermarkt: Sie haben als erster WM-Trainer überhaupt Ihr 26-köpfiges Aufgebot bekannt gegeben. Warum war es Ihnen wichtig, früh Klarheit zu schaffen?
Barbarez: Das ist der entscheidende Punkt: Klarheit. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, weil wir den Spielern Zeit geben wollten, sich auch gedanklich darauf vorzubereiten. Wir haben wie gesagt keinen großen Pool an Spielern. Deswegen sollte keiner falsche Dinge tun, weil er noch nicht eingeladen war. Jeder sollte im Klaren darüber sein, wer dabei ist. Ich wusste nicht, dass ich Erster mit der Nominierung war, habe das erst an dem Tag gemerkt.

Transfermarkt: Nach welchen Kriterien haben Sie die richtigen Spieler ausgewählt?
Barbarez: Wir werden sehen, ob es die richtigen sind. Aus den vergangenen vier Spielen, wo wir als Team richtig gewachsen sind, haben wir einfach viel mitgenommen. Die Spieler, die diesen Weg mitgegangen sind, waren im Vorteil. Aber 26 Spieler muss man erst einmal berufen. Das ist eine Menge. Ermin Mahmic von Slovan Liberec ist neu dabei. Von ihm denken wir, dass er der nächste Shootingstar ist.
Transfermarkt: Mit Dzeko steht weiterhin ein 40-jähriger Kapitän an der Spitze. Welche Bedeutung hat er für diese Mannschaft – sportlich und menschlich?
Barbarez: Eine große. (Barbarez wiederholt den Begriff ‚groß‘ mehrfach; Anm. d. Red.) Mehr geht eigentlich nicht. Für mich ist es etwas Besonderes, dass er dabei ist, dass wir ihn gewinnen konnten. Die vorherigen zehn Jahre waren keine einfache Zeit. Es hat noch einmal eine Schippe draufgelegt, was Emotionen und Wille anbelangen. Der hat richtig Bock. Das ist das Entscheidende. Wir sind davon überzeugt, dass er noch Erstliganiveau zeigen kann. Über etwas anderes brauchen wir gar nicht reden.
Transfermarkt: Der Jüngste in Ihrem Aufgebot ist Kerim Alajbegovic mit 18 Jahren.
Barbarez: Einen 18-Jährigen und einen 40-Jährigen im Kader zu haben, mag normalerweise nicht gut sein, aber bei uns passt das wunderbar. (lacht) Es gibt ein paar erfahrene Spieler, die aber auch Lust haben, mit den jungen zusammenzuarbeiten. Sead Kolasinac, Nikola Katic, Nikola Vasilj – das sind alles Topspieler, die auf Topniveau spielen. Als 18-Jähriger hast du vielleicht nicht immer genug Respekt, weil du zeigen willst, was du alles kannst. Diese Balance funktioniert bei uns aber sehr gut.

Transfermarkt: Holt Routinier Dzeko auch mal Rat bei Ihnen und sprechen Sie mit ihm über seine sportliche Zukunft nach der WM?
Barbarez: Wir reden sehr viel miteinander. Es ist auch wichtig, dass er Lust hat, mit uns zu reden. (lacht) Aber er hört auch zu, was wir zu sagen haben. Ich nehme ihm die Entscheidung nicht ab, er weiß selbst, was er tun sollte. Aber es ist sehr positiv, dass er meine Meinung hören will. Und wir sind ehrlich miteinander, egal, was passiert. Deswegen haben wir ein richtig gutes Verhältnis.
Transfermarkt: Haris Tabakovic wird trotz seiner Fußverletzung zur WM reisen und Teil der Mannschaft sein.
Barbarez: Zu Haris hatte ich von Beginn an einen besonders engen Draht. Ich habe nicht genug nette und positive Worte für ihn. Als Typ, Mensch und Spieler ist er brutal gut. Es sah nicht rosig bei ihm aus, aber wir haben schon bewiesen, dass wir ab und zu über die Grenze springen können.
Transfermarkt: Bosnien trifft in der Vorrunde außerdem auf Kanada, die Schweiz und Katar. Wie bewerten Sie diese Gruppe?
Barbarez: Die WM ist die WM, keiner ist zufällig und ohne Grund dort. Wenn wir auf die FIFA-Weltrangliste schauen, sind wir eine der schwächsten Mannschaften (Platz 65; d. Red.). Aber wir mögen mittlerweile diese Rolle als David gegen Goliath, haben genug Selbstbewusstsein, wollen ein bisschen was aufmischen und werden versuchen, die Gruppenphase zu überstehen. Wir freuen uns sehr, dabei zu sein. Es ist kein Stress.
Barbarez und die großen Emotionen bei der WM 2026
Transfermarkt: Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten bei der WM?
Barbarez: Auf das erste Spiel mit unserer Nationalhymne. Das ist der eine Moment für mich. Alles andere wird kommen und hoffentlich werden wir Spiele gewinnen und weiterkommen. Aber dieser eine Moment wird meiner sein. Ich glaube, ich werde sehr emotional sein.
Ich lasse mich gerne von meinen Emotionen leiten, aber ich bin mittlerweile sehr ruhig geworden.
Transfermarkt: Sind Sie aufgeregt oder sogar nervös?
Barbarez: Nein, ruhig, ruhig, ruhig. Bei meinem ersten Spiel als Nationaltrainer war ich sehr nervös. Ich habe kein Problem damit, das zuzugeben. Vor meiner ersten Rede vor der Mannschaft habe ich mich tausendmal vor dem Spiegel gefragt: Wow, bin ich das – oder ist das jetzt ein Traum? Aber es ist von Spiel zu Spiel anders geworden, genau wie meine Kommunikation. Ich lasse mich gerne von meinen Emotionen leiten, aber ich bin mittlerweile sehr ruhig geworden.

Transfermarkt: Hatten Sie eigentlich damit gerechnet, dass Sie diesen Job bekommen?
Barbarez: Das war sehr überraschend, das weiß auch jeder. Dass ich nicht von mir überzeugt gewesen wäre – diese Frage hat sich nie gestellt. Ich habe wegen der Nationalmannschaft schon vorher zweimal verhandelt. Irgendwann habe ich gesagt: So, jetzt lasst mich alle in Ruhe. Man sollte sein eigenes Leben leben und ich war auch ohne Fußball glücklich. Aber dass ich das gerne machen würde (bosnischer Nationaltrainer; d. Red.), das war immer klar. Der Moment war allerdings überraschend.
Interview: Philipp Marquardt
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