WM-Kolumne von Helge Payer: Der erste Zweikampf beginnt im Kopf
In der dritten Ausgabe seiner WM-Kolumne auf Transfermarkt blickt Experte Helge Payer auf das abschließende Gruppenspiel Österreichs gegen Algerien, in dem es für die ÖFB-Elf um alles geht.
Noch 90 Minuten
Noch 90 Minuten. Mehr trennen Österreich vom Sechzehntelfinale – oder vom bitteren WM-Aus. Dass die Entscheidung erst am letzten Spieltag fällt, überrascht mich nicht. Laut den Daten von Opta gilt Österreichs Gruppe als die stärkste des gesamten Turniers. Umso größer ist der Wert eines möglichen Aufstiegs.
Bei einer Niederlage wäre die Weltmeisterschaft wohl früher zu Ende als erhofft. Die hohen Erwartungen wären nicht erfüllt worden, die Enttäuschung entsprechend groß. Mit einem Sieg hingegen würde Österreich eine neue Welle der Euphorie entfachen und einige Spieler einen der größten Momente ihrer Karriere erleben. Zwei völlig unterschiedliche Welten – getrennt durch gerade einmal 90 Minuten.
Sportlich wartet auf Österreich jedenfalls eine anspruchsvolle Aufgabe. Wer glaubt, Algerien sei nur eine Pflichtstation auf dem Weg ins Sechzehntelfinale, macht einen Fehler. Vladimir Petkovic hat die Mannschaft seit seinem Amtsantritt Anfang 2024 sichtbar weiterentwickelt und kommt auf einen beeindruckenden Punkteschnitt von 2,35 pro Spiel. Seine Mannschaft ist hervorragend organisiert, flexibel und fühlt sich längst nicht mehr nur im Umschaltspiel wohl. Eine Statistik ist mir bei der Vorbereitung besonders ins Auge gestochen: Algerien hatte gegen Jordanien und Argentinien jeweils mehr Ballbesitz als Österreich gegen dieselben Gegner. Das zeigt, wie sehr sich diese Mannschaft unter Petkovic entwickelt hat. Genau deshalb wird Österreich dieses Spiel nicht nur gegen den Ball gewinnen müssen – sondern vor allem mit dem Ball. Ballbesitz allein ist noch keine Qualität. Entscheidend ist, ob du damit den Gegner bewegst oder nur den Ball.
Die Stärken Österreichs
Wir wissen, dass eine der größten Stärken Österreichs das Gegenpressing ist. Gegen Algerien könnte aber genau der nächste Schritt entscheidend werden: Was passiert nach dem Ballgewinn? Gelingt es Österreich, den Ball auch einmal über mehrere Stationen in den eigenen Reihen zu halten, den Gegner laufen zu lassen und im richtigen Moment das Tempo zu erhöhen? Ich glaube, genau darin liegt heute einer der Schlüssel zum Aufstieg.
Ein weiterer Schlüssel wird die Restverteidigung sein. Österreich wird immer wieder viele Spieler vor dem Ball haben. Umso wichtiger wird es sein, nach Ballverlusten sofort gut abgesichert zu sein. Algerien verfügt über genügend Tempo und Qualität, um Unordnung konsequent zu bestrafen. Als ehemaliger Torhüter weiß ich, wie entscheidend eine gute Restverteidigung ist. Sie gibt nicht nur Sicherheit für die Defensive, sondern auch den Mut, im Ballbesitz die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Auch die klimatischen Bedingungen werden ihren Teil dazu beitragen. Rund 30 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit und drückende Schwüle verändern Fußball. Pressing wird dosierter, Laufwege bewusster und Entscheidungen noch wichtiger. Natürlich helfen Slushys, Kühlwesten oder Trinkpausen. Aber am Ende gilt: Die Bedingungen sind für beide Mannschaften gleich. Spitzenteams zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich schneller anpassen als ihr Gegner.
Wer wird bei den Chiefs zum Chef?
Als ehemaliger Torhüter schaue ich in solchen Spielen besonders auf die ersten Minuten. Nicht wegen der ersten Torchance, sondern wegen der ersten Entscheidungen. Wie ruhig bauen Innenverteidiger und Torhüter das Spiel auf? Werden einfache Lösungen gewählt oder zeigt die Mannschaft von Beginn an Überzeugung? Daran erkennst du oft schon früh, ob eine Mannschaft bereit für ein K.-o.-Spiel ist.
Große Turnierspiele brauchen Persönlichkeiten. Spieler, die Verantwortung übernehmen, wenn der Druck am größten wird. Passender könnte der Austragungsort kaum sein: Im Stadion der Kansas City Chiefs wird heute jene Mannschaft zum „Chief“, die dem Spiel ihren Stempel aufdrückt und in den entscheidenden Momenten den kühleren Kopf bewahrt.
Vielleicht entscheidet heute die Restverteidigung. Vielleicht ein Standard. Vielleicht der richtige Tempowechsel. Ich habe in meiner Karriere aber eines gelernt: Der erste Zweikampf eines großen Spiels findet nicht auf dem Rasen statt – sondern im Kopf. Er beginnt im Spielertunnel, beim ersten Blickkontakt mit dem Gegner und in der Überzeugung, dieses Spiel gewinnen zu können.
Helges Zahl der Woche
2,35
Der Punkteschnitt von Vladimir Petkovic als Teamchef Algeriens seit seinem Amtsantritt Anfang 2024. Eine Zahl, die zeigt, warum Österreich heute auf einen deutlich stärkeren Gegner trifft, als viele vielleicht vermuten.
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