Neue Schiri-Regeln: Wie die WM-Spiele von „Unarten“ befreit werden sollen
Mehr Tempo? Mehr Fairness? Auf jeden Fall mehr Aufwand. Neue Regeln sollen bei der Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA unter anderem dafür sorgen, dass die Nettospielzeit erhöht und die Zeitschinderei reduziert wird. Patrick Ittrich, der seine Schiedsrichter-Karriere in diesem Sommer beendet hat, begrüßt den Ansatz. Der langjährige Bundesliga-Referee sieht auf die Unparteiischen aber auch Schwierigkeiten zukommen.
Das Training von früher und heute unterscheide sich – gerade im kognitiven Bereich – „wie Tag und Nacht“, berichtet der 47-Jährige von seinen eigenen Erfahrungen. Viele Neuerungen – auch in technischer Hinsicht – seien zwar nötig, weil der Fußball sich eben verändere. Dennoch, so Ittrich, müsse man aufpassen, dass den Schiedsrichtern nicht zu viel abverlangt werde.
Ein Überblick über wichtige Neuerungen – und ihre möglichen Folgen.
Weitere Countdowns, weniger Ruhephasen
Nicht nur, wenn der Torhüter den Ball zu lange in der Hand hält, soll es wie bisher einen Countdown geben. Auch bei Einwürfen und Abstößen kann der Schiedsrichter nun fünf Sekunden per Hand herunterzählen. Wird das Spiel bis dahin nicht fortgesetzt, geht der Ballbesitz ans gegnerische Team. Auch bei Auswechslungen müssen sich die Mannschaften ab sofort beeilen - oder es in Kauf nehmen, im Zweifelsfall eine Minute in Unterzahl weiterzuspielen.
Ziel solcher Maßnahmen sei es, „das Spieltempo zu erhöhen und dabei die Unterbrechungen so weit wie möglich zu begrenzen“, erklärt der frühere Top-Referee und heutige Chef der FIFA-Schiedsrichterkommission, Pierluigi Collina. Das Spiel solle von so manchen „Unarten“ befreit werden, so der Italiener.
„Ich finde es schon gut, dass man das eindämmt“, sagt Ex-Schiri Ittrich, der während der WM als Experte für „MagentaSport“ im Einsatz ist. Zugleich warnt er: „Die Ruhephasen werden für Schiedsrichter und Spieler geringer. Was dazu führen kann, dass es mehr Verletzungen geben kann oder die Konzentration nachlässt.“ Er sei gespannt, wie sich das womöglich auf ein Spiel auswirkt. Helfen könnten die Trinkpausen, die es bei den WM-Spielen wetterunabhängig geben wird: eine nach gut 22, die andere nach gut 67 Minuten.
Schluss mit der Schauspielerei bei Spielern
Wird ein Spieler auf dem Feld behandelt oder das Spiel deswegen unterbrochen, muss er den Platz verlassen und darf erst nach einer Minute wieder zurückkehren. Heißt: Künftig dürften sich die Profis genau überlegen, ob und wie schnell sie nach einem vermeintlichen Foul wieder aufstehen oder eben tatsächlich Unterstützung durch das medizinische Personal nötig ist.
Die Regel, die Ittrich „Weltklasse“ findet, soll Zeitspiel in Form von simulierten Verletzungen vorbeugen. Behandlungen nach einem Zusammenprall, nach Kopfverletzungen oder nach Fouls, die eine Karte zur Folge haben, sind davon ausgeschlossen. In anderen Fällen wird der Spieler vom Schiedsrichter gefragt, ob er einen Arzt braucht. Dann müsste er aber auch eine Minute raus. „Ich glaube schon, dass einige relativ schnell aufstehen werden“, konstatiert Ittrich.
Die Erfahrungen bei den bisherigen Tests hätten gezeigt, „dass die Häufigkeit der medizinischen Interventionen während eines Spiels drastisch zurückging“, berichtet Schiri-Boss Collina.
Für Hand vor dem Mund kann es die Rote Karte geben
Bei der WM können Spieler, die in einer Konfrontation mit dem Gegner beim Sprechen ihre Hand vor den Mund halten, die Rote Karte sehen. Damit soll ein mögliches diskriminierendes Verhalten verhindert werden. Das Wort „konfrontativ“ ist Schiri-Chef Collina dabei aber besonders wichtig. Es gehe gezielt um Situationen, in den Spieler aneinandergeraten, gibt der 66-Jährige zu verstehen. Grundsätzlich könnten Profis ihre Hand weiter vor den Mund halten. Manche würden im selben Klub spielen oder seien befreundet. Es sei daher normal, wenn sie sich auf dem Rasen unterhalten.
Es müsse ein konkreter Verdacht vorliegen, um einen Spieler vom Platz zu schicken, meint auch Ittrich. „Du musst schon eine Vermutung haben, was da passiert.“ Einfach sei das für Schiedsrichter in solchen Situationen aber nicht.
Aufsehen hatte im Frühjahr der Fall Gianluca Prestianni erregt. Der Argentinier in Diensten von Benfica hatte während des Playoff-Spiels in der Champions League gegen Real Madrid im Februar etwas zu Vinicius Junior gesagt und dabei die Hand vor den Mund gehalten. Der Brasilianer warf ihm eine rassistische Aussage vor. Prestianni bestritt, dies getan zu haben, und erklärte, Vinicius Junior habe ihn falsch verstanden. Reals Aurélien Tchouaméni äußerte danach, dass Prestianni ihm erzählt habe, dass er vielmehr eine homophobe Bemerkung in Richtung des Stürmers gerichtet habe. Prestianni wurde schließlich wegen „diskriminierenden Verhaltens“ für sechs Spiele gesperrt. Im argentinischen WM-Kader steht er nicht.
Hinweis: Wenn du etwas googelst, bekommst du neben den normalen Ergebnissen auch eine Box mit aktuellen News angezeigt. Wenn du Transfermarkt als bevorzugte Quelle hinterlegst, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für dich auf. Füge Transfermarkt hier als bevorzugte Quelle hinzu.
Letzte Beiträge Newsforum
Für mich sind diese Anpassungen ohnehin nur der Anfang einer deutlich größeren Entwicklung. Das Schiedsrichterwesen steht meiner Ansicht nach vor dem größten technologischen Umbruch seiner Geschichte. Der heutige VAR wirkt auf viele Zuschauer bereits wie Hightech. Tatsächlich arbeiten die meisten Entscheidungen aber noch immer nach einem vergleichsweise einfachen Prinzip: Menschen betrachten Kamerabilder aus verschiedenen Perspektiven und bewerten die Situation. Die eigentliche Entscheidung bleibt weitgehend menschlich.
Durch den Einsatz moderner AI wird sich das in den kommenden Jahren erheblich verändern.
Kurzfristig werden vor allem objektive Entscheidungen profitieren. Abseits ist bereits heute weitgehend automatisiert. Die nächste Stufe werden Situationen sein, bei denen bislang mehrere Kameraperspektiven ausgewertet werden müssen. Ob der Ball vollständig im Aus war, wer ihn zuletzt berührt hat, ob ein Eckball oder Abstoß vorliegt oder ob ein Spieler bei einem Tor im Abseits stand, lässt sich technisch inzwischen deutlich schneller und präziser erfassen als noch vor wenigen Jahren. Genau dort greift der aktuelle Ansatz
In naher Zukunft werden Systeme hinzukommen, die Bewegungsmuster und Körperkontakte analysieren können. Dabei geht es nicht darum, den Schiedsrichter zu ersetzen, sondern ihm innerhalb weniger Sekunden eine strukturierte Bewertung zu liefern.
War der Kontakt am Fuß vor dem Ballkontakt? Wie hoch war die Intensität? Welche Bewegungsrichtung hatten beide Spieler? Wurde der Gegner getroffen oder nur gestreift? Erfolgte eine Grätsche kontrolliert oder unkontrolliert? Lag der Treffer am Standbein vor oder entstand ein Kontakt lediglich durch eine normale Laufbewegung?
Besonders interessant wird die Entwicklung bei Handspielen. Kaum ein Regelbereich sorgt für mehr Diskussionen. KI-Systeme können künftig Armhaltung, Bewegungsrichtung, Reaktionszeit, Entfernung zum Schützen und die natürliche Körperbewegung gleichzeitig auswerten. Der Schiedsrichter erhält dann nicht nur Videobilder, sondern unverzüglich eine regelbezogene Analyse sämtlicher relevanter Parameter.
Die endgültige Bewertung bleibt menschlich, die Datengrundlage wird jedoch deutlich besser.
Perspektivisch könnte sich sogar die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und Technik grundlegend verändern. Statt mehrere Wiederholungen anzusehen, erhält der Schiedsrichter innerhalb von Sekundenbruchteilen (nahezu in Echtzeit) eine Zusammenfassung aller relevanten Faktoren mit den passenden Regelbezügen. Die größte Schwäche des heutigen VAR ist nicht die Existenz des Systems, sondern die Dauer vieler Überprüfungen und die verbleibende menschliche Ungenauigkeit. Niemand möchte drei oder vier Minuten auf eine Entscheidung warten, wenn AI dieselbe Situation in wenigen Sekunden analysieren kann. Damit wird ein Großteil der Akzeptanzprobleme von selbst verschwinden und wir werden die Systeme als Normalität betrachten, zudem noch "fairer" als es je in der Vergangenheit möglich war.
Paradoxerweise könnte der Schiedsrichter dadurch sogar wichtiger werden. Ich glaube nicht, dass der Schiedsrichter der Zukunft primär ein Regelprüfer sein wird. Diese Aufgabe wird zunehmend von technischen Systemen unterstützt werden. Seine eigentliche Rolle wird vielmehr darin bestehen, ein Spiel zu führen, Eskalationen zu verhindern, Situationen einzuordnen und den Charakter einer Partie zu managen. Die Technik liefert Fakten. Der Schiedsrichter liefert Kontext.
Ob ein Kontakt vorliegt, wird die KI feststellen können. Ob dieser Kontakt im konkreten Spielverlauf eine Verwarnung, einen Platzverweis oder lediglich eine Ermahnung rechtfertigt, bleibt weiterhin eine Frage des Fingerspitzengefühls.
Genau deshalb sehe ich die aktuellen Änderungen positiv. Sie stärken die Autorität des Schiedsrichters in der Gegenwart und bereiten gleichzeitig den Weg für eine Zukunft, in der technische Systeme immer mehr objektive Bewertungen übernehmen. Der Fußball wird dadurch nicht weniger menschlich, er wird gerechter, schneller und nachvollziehbarer.
Somit werden sich die Stammtische dieser Welt sich mehr mit dem eigentlichen Spiel und weniger mit den Schiedsrichterentscheidungen beschäftigen müssen.
Zutaten: Vermarktung, Internationalisierung, Regelkram, Politik, Hospitality, Medienrechte, Wachstum, 0,8 % Fußballaroma.
Kann Spuren von Sport enthalten.
Die haben sich schon fallen lassen wie die Fliegen wenn die gemerkt haben es droht Gefahr: Fallen lassen Schiri pfeifft schon. So warr es auch. Und jetzt wird bei jeder Mini Berührung wieder alles zurückgepfiffen weil es als Faul gilt. Keine gute Idee!









