Feulners Rückblick: Malträtierte Knie, Boxer-Rat von Gerland & Ziele – „Ich hinterfragte alles“
Wisdom Mike, Cassiano Kiala oder Maycon Cardozo heißen 2026 die Talente des FC Bayern. Vor rund 25 Jahren hörte einer der vielversprechendsten Jungkicker in der FCB-Talentschmiede auf den Namen Markus Feulner. Auch wenn er den Durchbruch an der Säbener Straße nicht schaffte, absolvierte Feulner 274 Partien in der ersten und zweiten Bundesliga. Bei Transfermarkt.de spricht der 44-Jährige über seinen Werdegang.
„Wenn zufällig die Bundesliga Classics bei ‚Sport1‘ laufen, dann erwische ich mich schon dabei, dass ich denke: Mann, bin ich alt geworden“, sagt Feulner lachend zu Beginn mit Blick auf sein Bundesligadebüt. Am 23. Februar 2002 wurde er erstmalig im Oberhaus eingewechselt und durfte beim 6:0-Kantersieg der Bayern gegen Energie Cottbus 25 Minuten Bundesligaluft schnuppern. Damals galt Feulner als eines der größten Talente in der Münchner Jugend. Ein Jahr zuvor führte er die A-Jugend als Kapitän zum Meistertitel. Neben ihm gehörten unter anderem die späteren Bundesliga-Profis Zvjezdan Misimovic und Piotr Trochowski zum Team.
„Wir hatten das Glück, dass wir in einer anderen Zeit zu Profis wurden. Der mögliche Druck oder Hype von außen war nicht so gegeben wie heute. Ich wusste aber schon, dass ich mich in einem der größten Haifischbecken der Bundesliga befinde und deshalb in jedem Training performen muss. Dass ich auch mal bei FIFA aufgetaucht bin, fand ich cool – auch wenn ich nie mit mir selbst gespielt habe, weil ich unbedingt gewinnen wollte“, schmunzelt Feulner, der sich von einem damaligen jungen Mannschaftskollegen sehr beeindruckt zeigte: Phillipp Lahm. „Bei Philipp konnte man schon deutlich erkennen, welche Qualität er mitbringt. Ich weiß noch, dass wir bei einem internationalen Turnier eine mächtige Klatsche kassierten. Unser Trainer machte uns entsprechend rund, nur Philipp ließ er außenvor. Er war allen Spielern im Kopf und mit dem Ball einen Schritt voraus“, konstatiert Feulner.
An die ersten Einheiten bei den Bayern-Profis erinnert er sich noch ganz genau. „Ich hatte die Ehre, dass ich mit absoluten Legenden und Weltklassespielern trainieren durfte. In den ersten Wochen war ich beeindruckt von der Aura, die selbst in der Kabine wahrgenommen werden konnte. In jedem Training ging es heiß zur Sache. Ich wollte mir als junger Spieler unbedingt einen Kaderplatz verdienen. Man kann sich vorstellen, dass es die Duelle mit Michael Tarnat, Jens Jeremies oder auch Bixente Lizarazu deutlich in sich hatten. Bis heute habe ich Hinterlassenschaften an beiden Knien“, lacht der gebürtige Bamberger. „Obwohl das absolute Weltstars waren, waren sie menschlich top. Ich erinnere mich, wie sich Mehmet Scholl häufig Zeit für mich nahm, um den Topspin zu trainieren. Im Training wurde erwartet, dass alles funktioniert. Wenn du von zehn Bällen neun sauber gespielt hast, hast du kein Lob bekommen, sondern es hieß wegen des einen unsauberen Balles: ‚Feulner, spiel‘ endlich gescheitere Bälle!‘“
Feulner erlebte Champions-League-Hymne und wechselte in den Abstiegskampf
Zur Saison 2002/2003 nahm sich Feulner vor, mehr Einsatzzeiten zu erhalten – was teilweise gelang. In zehn Bundesligapartien stand er auf dem Platz. Doch sein damaliges Highlightspiel absolvierte er in der Gruppenphase der Champions League gegen RC Lens. Beim damaligen 3:3-Remis traf er zum zwischenzeitlichen 3:2. Sein Debüt auf europäischer Ebene feierte Feulner schon 2001/2002 gegen Sparta Prag. „Am Abend vor der Partie kam Ottmar Hitzfeld noch zu mir und fragte mich, ob ich lieber links oder rechts spielen möchte. Ich war so nervös, ich konnte schlecht schlafen und kaum etwas essen. Wenn du das erste Mal die Champions-League-Hymne hörst, ist das wie der Beginn einer Sucht. Ottmar Hitzfeld war für mich auch der richtige Trainer. Er sprach zwar nicht viel mit mir, aber wenn er es tat, dann hatten seine Worte Substanz. Er wurde selten emotional, er war die Ruhe in Person und das hat sich auf alle übertragen“, erklärt Feulner.

Doch nicht nur Hitzfeld prägt ihn, sondern genauso Hermann Gerland, der damalige Cheftrainer der Zweitvertretung, „Hermann war hart, aber auch ehrlich und direkt. Die Zeit bei ihm war auch Willensschulung. Er hat dich beschützt. Vor allem, wenn er gesehen hat, dass du in jedem Training alles gegeben hast. Bei Hermann hat sich auch keiner getraut, mit angezogener Handbremse zu spielen. Ich weiß noch, dass ich nach einem Spiel auf der Massagebank saß, er zu mir kam und sagte: ,Feulner, du hättest Boxer werden sollen, dann hättest du für jeden deiner heutigen Fehler einen kassiert‘“, blickt der Ex-Profi erneut lachend zurück.
Die Erinnerungen bei den Bayern erklären auch, warum es vielen Talenten schwerfällt, den Durchbruch beim Rekordmeister zu schaffen. „Du kämpfst mit Weltstars um einen Kaderplatz. Du brauchst absolute Qualität im sportlichen wie mentalen Bereich, um dich zu behaupten. Man sieht jedoch dank Spielern wie Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Jamal Musiala oder Aleksandar Pavlovic, dass es möglich ist. Ich bereue auch nicht, dass ich damals in der Jugend zum FC Bayern gewechselt bin. Die Zeit bei den Bayern mit den ganzen Erfahrungen und Erlebnissen war prägend“, schildert Feulner.
Als Außenstehender denkt man sich, wenn es in den Abstiegskampf geht: Die Spieler sollen sich mal mehr bewegen. Aber so einfach ist das nicht.
Nachdem ihm signalisiert wurde, dass es für ihn bei den Bayern nicht weitergehen wird, schloss er sich Anfang 2004 dem 1. FC Köln an. Der Wechsel in die Domstadt war für Feulner in vielerlei Hinsicht ein Augenöffner. Während er bei den Bayern um die Meisterschaft kämpfen durfte, musste sich Feulner beim FC mit dem Abstiegskampf auseinandersetzen. „In Köln habe ich vom ersten Tag an gemerkt, dass die Stadt fußballverrückt ist und dass der Verein von der kompletten Stadt getragen wird. Während ich in München nahezu unbekannt durch die Innenstadt schlendern konnte, war es in Köln das komplette Gegenteil. Die Zeit war durchaus turbulent, auch wenn ich sie genossen habe. Als Außenstehender denkt man sich, wenn es in den Abstiegskampf geht: Die Spieler sollen sich mal mehr bewegen. Aber so einfach ist das nicht. Viele kommen mit dieser Mammutaufgabe nicht klar. Ich war immer jemand, der mit dem Druck umgehen konnte. Es gab auch keine andere Option. Man muss diesen Druck aushalten. Ansonsten bist du nicht in der Lage, ohne belastende Gedanken und angstfrei am Wochenende zu spielen“, resümiert Feulner.
Nach dem Abstieg mit den Kölnern aus der Bundesliga ein halbes Jahr nach Ankunft kam es für Feulner noch schlimmer. Ein Kreuzbandriss setzte ihn komplett außer Gefecht. „Ich habe in meiner Karriere eine Vielzahl von Verletzungen erlitten und muss sagen, dass sie mich haben mental stärker werden lassen. Auch hier gab es für mich nicht die Überlegung, aufzugeben oder gar die Karriere zu beenden. Es gab nur die Option: Wann kehre ich wieder auf den Platz zurück? Die Einstellung, niemals aufzugeben, hat mich auch in meinem Spiel geprägt“, betont der 44-Jährige. Die Hoffnung, langfristig bei den Geißböcken spielen und eine entscheidende Rolle einnehmen zu können, zerschlug sich, nach 41 Partien war das Kapitel schon wieder vorbei. Feulner stand am Scheideweg seiner Karriere: Auf der einen Seite das unbestrittene Talent mit großem Potenzial. Auf der anderen Seite stand der bisher ausbleibende Durchbruch zu Buche.
Einer, der von den Fähigkeiten Feulners überzeugt war, war der damalige Mainz-Coach Jürgen Klopp. An das erste Gespräch erinnert sich der ehemalige Mittelfeldspieler noch genau. „‚Kloppo‘ ist ein absoluter Menschenfänger. Es hat genau ein Gespräch gebraucht und er hatte mich elektrisiert. Mit seiner Art ist man schnell Feuer und Flamme für seine Idee. Zudem ist er rhetorisch so gewandt. Er überzeugt dich innerhalb weniger Minuten. Dieses ,Ich habe Bock auf Fußball‘ hat er uns in jedem Training vermittelt. Er hat auch kein Nein oder Stehenbleiben akzeptiert“, sagt Feulner und erinnert sich schmunzelnd an eine entsprechende Situation: „Einmal hat er mich direkt ausgewechselt, weil ich in seinen Augen nicht schnell genug nach hinten gearbeitet habe.“
Die beste Saison seiner Karriere absolvierte Feulner jedoch unter dem Klopp-Nachfolger Jørn Andersen in der Spielzeit 2008/09. Neben sieben Toren konnte Feulner starke 16 Vorlagen liefern. Diese überragende Quote war mitverantwortlich dafür, dass die Mainzer nach zwei Jahren im Unterhaus die Rückkehr in die Bundesliga schafften. „Ich fragte mich, was ich noch erreichen will, und hinterfragte alles. Aufgrund der vielen Verletzungen fing ich an, jeden Tag Yoga zu praktizieren. Meine Mitspieler guckten mich teilweise sparsam an, aber mir half es, gesund zu bleiben und mich besser aufs Training fokussieren zu können. Zudem wechselte ich die Position: statt über die Flügel kam ich mehr aus der Mitte heraus und konnte so meine Stärken komplett ausspielen“, erinnert sich der Ex-Profi.
Feulners Emotionen bei Borussia Dortmund und der Einstieg als Trainer
Für Feulner öffnete sich dank seiner Top-Quote die Tür für einen Wechsel 2009 zu Borussia Dortmund und seinem ehemaligen Mainzer Coach Klopp. Obwohl er in der nachfolgenden Zeit nur 20 Partien absolvierte, schwärmt er bis heute von BVB. „Ich hatte damals Anfragen von Hannover, Bremen, auch die Bayern wollten mich als Backup. Als jedoch ‚Kloppo‘ und Dortmund anfragten, wusste ich: Ich will vor der gelben Wand spielen. Wir hatten damals auch eine junge, hochtalentierte Mannschaft. Besonders beeindruckt hat mich Mario Götze. Bei einer seiner ersten Spiele saßen Dédé, Antonio da Silva und ich draußen am Spielfeldrand. Wir guckten uns zu dritt an und wussten allesamt: Mario hat das Potenzial für etwas ganz Großes“, erzählt Feulner. Auf die Frage, ob der Meistertitel mit den Bayern oder mit dem BVB emotionaler war, hat er eine klare Antwort pro Dortmund: „Wenn du feststellt, dass die gesamte Stadt, die gesamte Region auf den Beinen ist, alles in Schwarz-Gelb bedeckt ist, soweit du gucken kannst. Wenn du am Ende mitbekommst, dass 500.000 Menschen unterwegs sind, dann weißt du, dass es dafür keine Worte gibt. Diese Emotionalität und diese Liebe zu einem Verein habe ich nirgendwo in dieser Form erlebt.“
Nach weiteren Stationen als aktiver Profi beim 1. FC Nürnberg und dem FC Augsburg entschloss sich Feulner vor wenigen Jahren, den Trainerweg einzuschlagen – mit dem klaren Ziel, in der Zukunft die UEFA-Pro-Lizenz zu erwerben. Nach der U16, U17 sowie U19 des FC Augsburg hat er in der abgelaufenen Saison die U23 der Fuggerstädter übernommen und diese zum Klassenerhalt in der Regionalliga Bayern geführt. Ein Unterfangen, welches kein leichtes war, denn die Augsburger stellten den zweitjüngsten Kader der Liga. „Mir macht der Trainerberuf unheimlich viel Spaß. Wir arbeiten jeden Tag gemeinsam daran, dass sich die Jungs den Traum vom Profifußball erfüllen können. Der Fußball hat sich über die vergangenen Jahre deutlich verändert. Er ist dynamischer, athletischer und taktischer geworden. Das Spiel verändert sich ständig. Entsprechend musst du als Spieler, aber auch als Trainer anpassungsfähiger werden. Ich bin davon überzeugt, dass in Zukunft die Eins-gegen-Eins-Spieler mehr in den Fokus geraten werden und auch die Standardsituationen viel spielentscheidender werden.“
Von Henrik Stadnischenko
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