Celtic Glasgow zwischen Chaos & Aufwind – Mit Cvancara und Adamu „zurück zu den Basics“
Für Kapitän Atakan Karazor war es der Wunschgegner, Sportvorstand Fabian Wohlgemuth sprach von einem „klangvollen Namen im europäischen Fußball“ und für viele Fans gehört der Celtic Park zu den Stadien mit der besten Stimmung in Europa. Das Duell des VfB Stuttgart am Donnerstagabend in der Zwischenrunde der Europa League bei Celtic Glasgow ist in vielerlei Hinsicht ein Highlight und auf die Schwaben wartet ein absoluter Top-Klub. In dieser Saison bröckelte der Glanz der nahezu makellosen letzten Jahre jedoch.
Drei Trainerwechsel, Fan-Proteste sowie der Rücktritt von Klubchef Peter Lawwell sorgten für viel Wirbel und im Winter-Transferfenster wurde ein Großteil des Kaders umstrukturiert. Und dennoch kommt das Hinspiel für die Schwaben zur Unzeit – denn pünktlich zur wichtigsten Saisonphase sind „The Bhoys“ wieder in Top-Form. Das liegt auch an ehemaligen Bundesliga-Profis wie den im Januar verpflichteten Tomas Cvancara und Junior Adamu.
„Es waren die turbulentesten sechs Monate der jüngeren Vereinsgeschichte“, blickt Stefan Bienkowski, Area Manager UK bei Transfermarkt, zurück. Nach der 55. Meisterschaft der Klubgeschichte im letzten Jahr, durch die man in der Liste der meisten Titel mit den Glasgow Rangers gleichgezogen war (zur Statistik), sprach vieles für eine weitere einsame Saison an der Tabellenspitze. 15 Punkte Vorsprung hatte man 2024/25 auf den Stadtrivalen gehabt, der Kader war der mit Abstand wertvollste der Liga und mit Brendan Rodgers saß der Erfolgscoach der letzten Jahre fest im Sattel.
Schon im Spätsommer zeichnete sich jedoch ab, dass diese Saison schwerer werden würde. Zunächst scheiterte man überraschend nach Elfmeterschießen in der Champions League Qualifikation an Kairat Almaty aus Kasachstan, anschließend ließ man in der Premiership viele Punkte liegen, sodass man nach der Pleite gegen Tabellenführer Heart of Midlothian FC Ende Oktober schon acht Zähler hinter Rang eins zurücklag. Rodgers legte Ende Oktober sein Amt vorzeitig nieder und dem kurzzeitigen Hoch unter Interimscoach und Klublegende Martin O'Neill folgte eine erneute Krise unter dem Franzosen Wilfried Nancy, der gerade einmal acht Spiele durchhielt und kurz nach dem Jahreswechsel erneut für O’Neill Platz machen musste.
Celtic Glasgow im Chaos: Lawwell-Abgang als „Sieg für die Fans“
Viele Fans kritisieren schon länger die konservative Transferpolitik der Vereinsführung, die Leistungsträger wie Nicolas Kühn (für 19 Mio. Euro zu Como) lieber für viel Geld verkauft, anstatt den Kader konkurrenzfähiger für die internationalen Wettbewerbe zu machen. Auch Rodgers hatte diese Meinung vertreten und aufgrund fehlender Investitionen in den Kader zunächst eine Verlängerung ausgeschlagen und schließlich seinen Rücktritt bekannt gegeben.
„Nach dem Rücktritt von Rodgers und den schlechten Leistungen unter Nancy kam es Mitte Dezember zur Eskalation, als Fans außerhalb des Stadions ihren Aggressionen freien Lauf ließen“, beschreibt Bienkowski. Videos von wütenden Fans gegen die Vereinsführung machten im Internet die Runde und zwangen Präsident Lawwell zum Jahresende zum Rücktritt. Die Beschimpfungen und Bedrohungen seien „unerträglich“ geworden, teilte der 66-Jährige damals mit. Dabei habe es sich nicht nur auf die Proteste vor dem Stadion beschränkt. „Sie haben meine Familie bestürzt und beunruhigt. In dieser Phase meines Lebens brauche ich das nicht. Ich kann das nicht akzeptieren und verlasse daher den Verein, den ich mein Leben lang geliebt habe.“
Bienkowski erklärte, die Fans hätten „das Aus von Lawwell als Sieg gefeiert“. Und dennoch darf bezweifelt werden, ob sich an der Ausrichtung der Vereinsführung nun etwas ändern wird. „Sein Nachfolger Michael Nicholson ist ebenfalls sehr unbeliebt im Verein. Und auch Eigentümer Dermot Desmond wird von vielen Fans immer noch als Hindernis angesehen“, sagt Bienkowski.
Große Investitionen blieben auch im Winter-Transferfenster aus, wobei zumindest der Versuch vorhanden war, namhafte Spieler an Land zu ziehen. Der zuvor vereinslose Alex Oxlade-Chamberlain (32) besaß vor einigen Jahren einen Marktwert von 40 Millionen Euro, hat seine besten Tage aber zweifelsohne hinter sich. Der Engländer sei „vorerst eine gute Übergangslösung, aber ich würde nicht sagen, dass die Celtic-Fans von den Neuverpflichtungen besonders begeistert waren“, sagt Bienkowski.
Auch bei den Verpflichtungen der Bundesliga-Stürmer Tomas Cvancara (25), der per Leihe mit Kaufoption in Höhe von 8 Millionen Euro von Borussia Mönchengladbach kam und Junior Adamu (24), ebenfalls mit Kaufoption vom SC Freiburg ausgeliehen, wurde kein Risiko eingegangen. „Der Verein hat kein Geld ausgegeben, obwohl der Kader dringend neue Spieler braucht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass O'Neill nur bis zum Sommer Trainer sein wird und man kein Geld ausgeben will, bevor man weiß, wer im Sommer das Ruder übernehmen wird.“
Gerade Cvancara habe bisher aber seine Qualitäten unter Beweis gestellt. „Er hat definitiv einen guten Start hingelegt und stellt eine sofortige Verbesserung gegenüber dem dar, womit O'Neill zuvor arbeiten musste. Es würde mich nicht überraschen, wenn er im Sommer fest verpflichtet wird.“ Ein Tor und zwei Vorlagen sprangen in fünf Einsätzen heraus, viermal stand der Tscheche in der Startelf. Adamu kam erst spät im Transferfenster dazu und sicherte Celtic beim 2:1-Sieg im Pokal gegen den Dundee FC mit seinem Tor in der 97. Minute die Verlängerung. Seit nunmehr zehn Spielen sind „The Bhoys“ ungeschlagen, acht davon wurden gewonnen.
Für die Fans ein weiterer Beweis, dass sich Investitionen in den Kader sofort auszahlen. Und für Stuttgart die Warnung, dass man womöglich auf einen deutlich stärkeren Gegner trifft, als es noch im Dezember der Fall gewesen wäre. „O’Neill ist für Celtic das, was Jürgen Klopp für Dortmund oder Jupp Heynckes für Bayern ist. Seine Rückkehr hat die Lage zweifellos beruhigt. Im Gegensatz zu Nancy, der zu viel mit einem begrenzten Kader experimentieren wollte, hat O'Neill Celtic zurück zu den Basics geführt und den Spielern das dringend benötigte Selbstvertrauen gegeben. Für Stuttgart wird das Spiel im Celtic Park also trotz der Unruhen alles andere als ein Selbstgänger.“
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