Bako bringt's: Träge Dassendorfer retten in Unterzahl ein Remis – „Erinnerte an alte Zeiten“
„Wir haben heute ein absolutes Topspiel gesehen“, konstatierte Manuel Demir, der die TuS Dassendorf in der Vorbereitung auf das Auftaktspiel für den amtierenden Hamburger Meister genauestens unter die Lupe nahm. Gleich dreimal habe er die „Wendelwegler“ beobachtet, verriet der neue Chefcoach des runderneuerten ETSV Hamburg. „Und sie haben exakt so gespielt, wie wir das erwartet haben“, legte sich Demir einen Plan zurecht, wie die neuformierte „Wundertüte“ vom Mittleren Landweg die ebenfalls neu zusammengestellte Truppe der TuS ärgern würde können (alle Highlights im LIVE-Ticker). Das Vorhaben: Dassendorf den Ball überlassen und auf Umschaltmomente setzen. Eine Vorgabe, die für unheimlich leidenschaftliche und kampfstarke Gäste beinahe perfekt aufging!
Erst haderte er mit der Chancenverwertung, dann mit der fehlenden Bewegung und Passschärfe im Spiel seiner TuS Dassendorf. „Wenn ihr einen Stuhl braucht, sagt Bescheid!“, fehlte Oliver Zapel fünf Minuten vor der Pause offenbar nur noch ein kleines Kaffeekränzchen seiner Mannen. „Die Ursache war gar nicht die Bereitschaft der Läufe“, erläuterte Zapel hinterher, dass der Ursprung seines Unmutes im ständigen Quergeschiebe in der eigenen Kette lag. „Da merkst du als offensiver Spieler, dass dabei nichts rauskommen kann, wenn wir nicht in die Vorwärtsbewegung passen und eine gewisse Dynamik erzeugen. Insofern müssen wir unbedingt darüber nachdenken, wie wir aus dieser Formation heraus sehr frühzeitig zumindest ein Signal an unsere Spieler vorne versenden, dass die Laufwege gestartet werden können. Und das war aus meiner Sicht über eine Viertelstunde nicht erkennbar.“

Manuel Farrona Pulido hebt den Ball am Tor vorbei. Foto: noveski.com
Dassendorf "immer zäher und träger"
Lautstark monierte er am Spielfeldrand die Gangart seiner TuS, obwohl sein Team schon nach nicht einmal 180 gespielten Sekunden in Führung hätte gehen können. Doch Fabian Graudenz beförderte eine scharfe Flanke von Lucas Irmler spektakulär per Volley an die Latte (3.). „Wir hatten das Spiel in der Anfangsphase sehr stark in unseren Händen. Ganz viele Pläne und Ideen sind aufgegangen“, nur das Tor fehlte den Hausherren. Doch in der Folge wurde der Auftritt des Vorjahres-Dritten nach einem XXL-Umbruch „immer zäher und träger und wir haben unnötige Ballverluste produziert, die wir so von unseren Spielern teilweise noch gar nicht kannten“, zeigte sich Zapel überrascht – und fand eine Erklärung dafür in der nicht so guten Verfassung des einen oder anderen Akteurs. „Drei Spieler in der letzten Reihe sind aus einer Verletzung zurückgekommen und haben teilweise gar nicht trainiert. Vielleicht war das dieser kleine Funke Unsicherheit, der sich so ein bisschen auf unser Kombinationsspiel übertragen hat.“

Völlig ungehindert köpft Yannick Siemsen zur ETSV-Führung ein. Foto: noveski.com
"Erinnerte an alte Zeiten"
So sehr, dass es immer wieder nur quer von A nach B ging. „Das erinnerte so ein bisschen an alte Zeiten, die wir eigentlich gar nicht wiederholen wollten“, ließ sich Zapel zu einem kleinen Seitenhieb an vergangene Tage hinreißen. Nachdem Manuel Farrona Pulido freistehend um Zentimeter am langen Pfosten vorbei chippte (28.), wurde der Unmut beim neuen TuS-Trainer immer größer – und erreichte kurz vor der Halbzeit den Höhepunkt. Trotz der immensen Überlegenheit in der Luft, durfte der für seine Kopfballstärke allerorts bekannte Yannick Siemsen eine Ecke von Nikita Marusenko mutterseelenallein einnicken – 0:1 (44.)! Zapel: „Irgendwo ist es dann vielleicht auch ein bisschen ein Zeichen von Strafe, dass der Ball dann auf einmal im Tor liegt. Mit 0:1 in die Halbzeit zu gehen, das war auf keinen Fall unsere Idee.“

Nach seinem Treffer dreht Yannick Siemsen jubelnd ab. Foto: noveski.com
"Anzahl der vergebenen Chancen ist eklatant"
In der Pause fand der 58-Jährige „relativ klare Worte“, wie er anschließend kundtat. „Und ich finde, dass wir in der zweiten Halbzeit von der ganzen Dynamik und auch von der Bereitschaft her ein ganz anderes Gesicht gezeigt haben.“ Allerdings platzte ihm in der 56.Minute mit einem Tritt in die Bande erneut der Kragen, als Andy Appiah gänzlich unbedrängt nicht mal eine bessere Rückgabe zustande brachte. „Die Anzahl der vergebenen Torchancen ist einfach eklatant. Das darf uns nicht passieren. Wir dürfen dieses Spiel unterm Strich einfach nicht nicht gewinnen“, haderte Zapel. Aber: „Am Ende muss auch ich stolz sein und in gewisser Hinsicht mit Komplimenten an meine Mannschaft herantreten, dass sie nach einer völlig wahnsinnigen Gelb-Roten Karte nochmal die Beine in die Hand genommen und ein tolles Tor erzielt hat.“

Die Eisenbahner feiern ihren Torschützen und eine starke Vorstellung. Foto: noveski.com
"Völlig wahnsinnig": Eingewechselter Boakye fliegt
Wahnsinnig war das, was der erst zur zweiten Halbzeit eingewechselte und früh Gelb vorbelastete Elia Boakye in der 82. Minute fabrizierte, in der Tat. Ohne Chance auf den Ball, senste er den durchgestarteten Ishmael Schubert-Abubakari regelrecht um. Referee Furkan Cevdet Vardar blieb gar keine andere Möglichkeit, als dem „Dasse“-Verteidiger die Ampelkarte zu zeigen. Was der einstige Serienmeister bis zu diesem Zeitpunkt in Gleichzahl vergeblich versuchte, musste man nun in numerischer Unterzahl in Angriff nehmen. Ein denkbar ungünstiges Unterfangen. Zumal Obinna Iloka wenige Augenblicke später gegen den bärenstarken Schubert-Abubakari das mögliche 0:2 verhinderte (83.).

Kristian Bako nimmt Maß - und streichelt die Kugel in den Winkel. Foto: noveski.com
"Kann noch nicht sagen, ob wir gemeinsam zum nächsten Andrea Berg-Konzert gehen"
Doch dann: Der früh für den verletzten Anton Lattke eingewechselte Osuke Hashiguchi, der die Offensive der TuS mehrfach zur Verzweiflung trieb, parierte sensationell gegen den ganz frisch verpflichteten Max Düwel. „Ein Spieler, der wunderbar in unser Gesamtkonzept passt. Dass er auch noch von einem meiner Ex-Clubs kommt, das hat dann schon mal grundsätzlich für bestimmten Gesprächsstoff gesorgt“, scherzte Zapel, der einst selbst bei der SG Sonnenhof Großaspach tätig war. „Ob wir jetzt gemeinsam zum nächsten Andrea Berg-Konzert gehen werden, das kann ich noch nicht sagen. Aber er ist auf jeden Fall ein Spieler, den wir längere Zeit gesucht haben – und der voll reinpasst. Wir scheinen für ihn auch eine attraktive Plattform zu sein. Er identifiziert sich voll mit uns, hat sich diese Woche im Training toll verhalten und war auch schon eine Option für die Startelf. Und das ist für einen Spieler, der nur eine Woche mit uns in Kontakt steht, eine tolle Basis für mehr. Ich bin mir ganz sicher, dass wir noch ganz viel Spaß mit ihm haben werden.“

Kristian Bako (re.) wird nach seinem Ausgleichstreffer gefeiert. Foto: noveski.com
"Ein typisches erstes Spiel einer Saison"
Und Dassendorf legte unmittelbar nach der vergebenen Chance nach. Wieder war es Düwel, der dem Spiel der Gastgeber deutlich mehr Zielstrebigkeit verlieh und gleich seinen ersten Scorer verbuchen konnte, dessen Zuspiel den ebenfalls eingewechselten Kristian Bako fand. Dieser schlenzte das Spielgerät von der Strafraumgrenze ins rechte Kreuzeck – 1:1 in Unterzahl (84.)! Bei der Punkteteilung blieb es auch bis zum Schluss. „Ich fand, dass das so ein typisches erstes Spiel in einer Saison war, wo die Erwartungshaltung sowohl intern als vielleicht auch extern extrem hoch war. Großes Kompliment an den Gegner, der uns das Leben heute richtig schwer gemacht hat“, lobte Zapel den Widersacher.

Yannick Siemsen frustriert nach Abpfiff. Foto: noveski.com
"Bin stolz auf meine Mannschaft"
Gleiches tat Demir: „Wir haben ein gutes Spiel gemacht und gut gegen den Ball gearbeitet – genau das, was wir wollten. Ich bin stolz auf meine Mannschaft“, läuft es beim Hamburger Meister, der nichts mehr mit dem Meister der Vorsaison zu tun hat, schon überraschend gut. Trotz Widerständen: Bereits nach wenigen Sekunden musste der starke Niklas Kiene mit einem tiefen Cut am Auge länger behandelt werden. Dann verletzte sich Keeper Lattke (14.), ehe Kufour Jamborek vorzeitig die Segel strich (33.). Gegen all diese Hürden stemmte sich der ETSV mit ganz viel Leidenschaft. Eher schleppend war hingegen der Auftritt des letztjährigen Regionalliga-Anwärters. „Ich bin nicht enttäuscht. Aber es ist zumindest so, dass wir uns in bestimmten Bereichen an die eigene Nase fassen müssen. Das ist immer besser, wenn man die Ursachen in den eigenen Reihen findet als woanders“, ging Zapel dennoch „nicht zufrieden schlafen“.
Die Pressekonferenz mit beiden Trainern im Video:
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