14.07.2026 - 21:45 | Quelle: Transfermarkt | Lesedauer: unter 10 Min.
FC Vaduz
Marc Schneider
Ex-Fürth-Trainer in Vaduz 

Schneider über Gin Tonic mit Fischer und genervten Favre – „Mit Ihnen spiele ich nicht mehr“

Vaduz-Trainer Marc Schneider über Gin Tonic mit Fischer und genervten Favre
©IMAGO

Kaum neigt sich die Weltmeisterschaft dem Ende entgegen, steht die neue Spielzeit bevor. Am letzten Juli-Wochenende startet unter anderem die neue Saison in der Schweizer Super League. Nach fünf Jahren Abstinenz wird auch der FC Vaduz wieder mit am Start sein. Das Transfermarkt-Interview mit Cheftrainer Marc Schneider!


Dass die Liechtensteiner in der nun anstehenden Saison in der Super League antreten dürfen, verdanken sie einer bestimmten Regel. Da Liechtenstein kein eigenes Ligasystem besitzt, nimmt der Verein als Gast aus dem Ausland am Schweizer Spielbetrieb teil und unterliegt dort einer einzigartigen vertraglichen Sonderregelung mit der Swiss Football League (SFL). „Dass wir heute in der Super League spielen dürfen, ist eine sehr schöne Momentaufnahme. Wenn man sich unsere Historie anschaut, stellt man fest, dass wir nicht der klassische Superligist sind, der seit 20 Jahren in der Liga dabei ist“, sagt Schneider zu Beginn des Gesprächs.



Der Erfolg der letzten Jahre beim FC Vaduz hat viel mit ihm zu tun. Als er den Verein übernahm, befand sich der Klub am sportlichen Abgrund. Vaduz stand im Februar 2024 mit dem Rücken zur Wand, dem Team drohte der Fall in die Drittklassigkeit. Schneider stabilisierte die Mannschaft in den verbleibenden Partien der Saison 2023/24 sofort. Das Team sammelte unter ihm wichtige Punkte, verließ die Abstiegszone und beendete die Spielzeit im gesicherten Mittelfeld. „Wenn du als Trainer mitten in der Saison zu einem Verein kommst, läuft irgendwas falsch, das muss dir bewusst sein. Ich wusste, auf was ich mich einlasse, zumal ich überzeugt davon war, dass der Kader mehr Potenzial hatte, als bislang aus ihm herausgeholt wurde. Zudem war mir klar, dass ich hier ein stabiles Umfeld vorfinde, in dem ich meine Spielidee umsetzen kann“, verrät der 45-Jährige.


Mitarbeiter
Marc Schneider
M. Schneider Alter: 46
FC Vaduz
FC Vaduz
Alle Saisons -
Alle Wettbewerbe
Spiele
110
Gewonnen
59
Unentschieden
24
Verloren
27


In der darauffolgenden kompletten Saison formte Schneider aus den Liechtensteinern ein echtes Spitzenteam. Mit einer Bilanz von 25 Siegen aus 36 Ligaspielen sicherte sich der FC Vaduz im Mai 2026 den Meistertitel der Challenge League. Er implementierte einen dominanten, ballbesitzorientierten und offensiv ausgerichteten Fußball. „Wir haben an einigen Stellschrauben gedreht. Beispielsweise haben wir einen hauptamtlichen Videoanalysten verpflichtet. Unser Trainerstab ist sehr klein, was wiederum ein Vorteil ist, weil wir uns enger abstimmen können. Mit Patrick Burgmeier (Geschäftsführer; Anm. d. Red) und Franz Burgmeier (Sportdirektor; d. Red.) habe ich einen sehr engen Austausch und viele Freiheiten, sodass ich einen großen Einfluss auf die Kaderplanung nehmen kann. Die wichtigste Aufgabe war die personelle Auswahl und die Entscheidung, auch mal Nein zu einem potenziellen Neuzugang zu sagen. Wir haben in der Vergangenheit Spieler geholt, die zwar Erfahrung hatten, aber satt waren. Vor der vergangenen Saison haben wir bewusste Entscheidungen getroffen, weil wir die richtigen Spieler verpflichten wollten“, erklärt Schneider.


Trainer Schneider will selbstständige Entscheidungen provozieren


Er ist davon überzeugt, dass man als Trainer eine klare Handschrift haben sollte. Zugleich betont er: „Wichtig ist, eine eigene Spielidee zu haben, sich treu zu bleiben und mit Klarheit zu agieren, selbst, wenn du einmal drei Spiele hintereinander verlieren solltest und sich möglicherweise Druck von außen aufbaut. Ich finde, als Trainer sollte man nicht starr an einem System festhalten, sondern flexibel sein, wenngleich man seinen Prinzipen und Werte nicht verändern sollte.“ Der Coach erklärt seine Haltung: „Bevor ich den Sportler oder Profi betrachte, betrachte ich zunächst den Menschen. Ich gewinne nur das Vertrauen, wenn ich den Menschen wertschätze und mich für ihn interessiere. Auf dem Platz möchte ich Fußball sehen, der von einer hohen Intensität geprägt ist. Ich spreche gerne von der 7/10-Regel. Von 10 Aktionen sollen die Spieler siebenmal möglichst so agieren, wie wir es ihnen vorgeben, und dreimal muss selbstständig improvisiert sowie eigenständige Entscheidungen getroffen werden. Ich möchte, dass Spieler im Spiel selbstständig entscheiden und nicht nach dem Trainer schauen müssen, bevor sie agieren. Deshalb spielen wir im Training auch viel, weil ich selbstständige Entscheidungen provozieren und realistisch erarbeiten möchte.“



Schneider hat seine Entwicklung seiner Zeit als Co-Trainer beim FC Thun unter namenhaften Cheftrainern wie Ciriaco Sforza, Mauro Lustrinelli und Urs Fischer zu verdanken. „Mir war es wichtig, den Trainerberuf von klein auf zu lernen. Deshalb habe ich auch ein Jahr als U13-Trainer gearbeitet. Dort konnte ich das Vermitteln von Wissen lernen. Als Trainer ist es elementar, schwieriges Wissen innerhalb kurzer Zeit einfach zu vermitteln. Ich kann ausführlich über einen abkippenden Sechser philosophieren, aber dann hört mir keiner mehr zu.“ Schneider listet eine weiter Herausforderung auf: „Die Anfangszeit als Co-Trainer war schwierig, weil ich auf einmal den Jungs, mit denen ich Monate zuvor selbst noch gekickt habe, sagen musste, was gut oder schlecht ist. In dieser Zeit habe ich verstanden, dass bei der reinen Bewertung das Zwischenmenschliche nichts zu suchen hat, sondern dass ich ausschließlich den Sportler bewerten muss.“



Ich glaube, von allen habe ich die Drinks am wenigsten vertragen, und die ein oder andere Stunde Schlaf hat mir auch gefehlt.



Besonders an die Zusammenarbeit mit Fischer erinnert er sich gerne zurück. „Unter Urs habe ich gelernt, was Akribie bedeutet. Gefühlt hat er Trainingseinheiten drei Monaten im Voraus geplant. Auch im Zwischenmenschlichen habe ich viel von ihm lernen können, beispielsweise wie sich die Ansprache bei einem 30-Jährigen im Vergleich zu einem 18-Jährigen unterscheidet und dass nicht beide gleichbehandelt werden können. Zudem war er immer ehrlich, klar und direkt“, schildert der 45-Jährige, der sich schmunzelnd an eine lustige Situation erinnert. „Urs trinkt gerne Gin Tonic. In unserem ersten Trainingslager saßen wir abends jeweils gesellig zusammen. Ich glaube, von allen habe ich die Drinks am wenigsten vertragen, und die ein oder andere Stunde Schlaf hat mir auch gefehlt. Und wer war am nächsten Morgen trotzdem immer um 6 Uhr wach und voller Energie? Richtig: Urs Fischer. Ich habe bis heute nicht verstanden, wie er das angestellt hat.“



Nicht bloß als Co-Trainer konnte Schneider viele neue Eindrücke und Ideen gewinnen, auch als Aktiver profitierte er davon, dass er unter einer Vielzahl von etablierten Trainern wie Hanspeter Latour oder Vladimir Petkovic auflaufen durfte. Insbesondere die erfolgreiche Zeit beim FC Zürich mit zwei Meistertiteln und einem Pokalerfolg unter Lucien Favre brachte ihn nach vorn. „Lucien hat mich als Profi sehr geprägt. Es gab nicht den einen Schlüsselmoment, sondern es war eine Vielzahl von Momenten, die mich auf positive Weise verändert haben. Durch ihn habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt, wie ein Fußballspiel funktioniert, wie eine Mannschaft funktioniert oder wie man einzelne Charaktere liest“, erzählt der gebürtige Thuner, der sich schmunzelnd an eine besondere Situation mit Favre erinnert: „Zweimal wollte er unbedingt mit uns mittrainieren. Nachdem er festgestellt hat, dass er nicht jeden Ball bekommen hat, war er so genervt und hat gesagt: Mit Ihnen spiele ich nicht mehr. Und hat nie wieder in einem Trainingsspiel mitgemacht.“


Nachdem Schneider selbst drei Jahre beim FC Thun in der Verantwortung stand, wechselte er 2021 nach Belgien zum Zweitligisten Waasland-Beveren. Nach 22 Partien und trotz eines Punkteschnitts von 1,50, war das Kapitel allerdings schon wieder beendet. Trotzdem spricht er nur in positiven Worten über das Engagement. „Die Zeit in Belgien war für meine Entwicklung extrem wichtig. Erstmals hatte ich einen Kader, der aus Spielern aus x-beliebigen Kulturen bestand. Ich kam mit Typen und Mentalitäten in Berührung, die ich so aus der Schweiz nicht kannte. Zudem konnte ich meine englischen und französischen Sprachkenntnisse verbessern. Für mich war es ein wichtiger Lerneffekt, am eigenen Leib zu erleben, wie es sich anfühlt, in einem neuen Land mit einer anderen Sprache zu sein und zu verstehen, wie sich ausländische Spieler fühlen, wenn sie in die Schweiz kommen und kein Deutsch, Französisch oder Italienisch sprechen. Ich bin auch lockerer geworden. Während in Thun ein absolutes Handyverbot herrschte, habe ich in Belgien verstanden, dass es nichts bringt, diesen Kampf mit den Spielern auszufechten. Wenn ich die Spieler gewinnen möchte, muss ich Kompromisse eingehen, denn am Ende zählt nur die Leistung auf dem Platz“, konstatiert Schneider.


Schneiders erfolgloses Kapitel in Fürth und Türen, die sich öffnen und schließen


Doch Schneider hat auch erfahren, wie es ist, komplett erfolglos zu sein. Zur Saison 2022/23 übernahm er das Traineramt bei der SpVgg Greuther Fürth. Aus 13 Partien holte seine Mannschaft lediglich einen Sieg. „Im Sinne der Punkteausbeute kann ich die Entlassung nachvollziehen. Die Mannschaft stand bis zum letzten Moment hinter mir, das war sehr wichtig für mich. Im Nachgang, und das hat mich berührt, haben sich viele Spieler gemeldet und sich für die Zusammenarbeit bedankt.“ Durch das Aus in Fürth hinterfragte Schneider alles – mit der Konsequenz, dass er sich als Trainer neu aufstellte. „Ich habe in Fürth den Fehler gemacht, dass ich mich in meinen Entscheidungen beeinflussen lassen habe. Ich bin von meinem Weg abgewichen. Ich war nicht immer zu 100 Prozent der Trainer Marc Schneider. Heute kommuniziere ich viel klarer. Ich weiß, was ich will und was ich nicht will. Diese klare Haltung wird nicht jedem gefallen. Und ich weiß: Damit werden sich Türen schließen, aber genauso gut Türen öffnen. Ich will mich nicht verbiegen lassen. Ich möchte, dass die Verantwortlichen und Fans wissen: Wenn man Marc Schneider holt, kann man diese Art von Fußball erwarten“, betont der Schweizer.


Mitarbeiter
Marc Schneider
M. Schneider Alter: 46
SpVgg Greuther Fürth
SpVgg Greuther Fürth
Alle Saisons -
Alle Wettbewerbe
Spiele
13
Gewonnen
1
Unentschieden
7
Verloren
5


Das Geschäft im Profifußball ist um einiges schnelllebiger und härter geworden. Auch die Kritik an Trainern gewann an Schärfe, insbesondere von Experten vor der Kamera. Schneider, der selbst als solcher gearbeitet hat, sieht die Thematik etwas differenzierter. „Es gibt viele gute TV-Experten, die fachlich analysieren und nicht da sind, um auf den Trainer zu hauen. Ein TV-Experte kann gut erklären, wie sich ein Trainer verhält, was ihn bewegt, weil er sich in seine Situation hineinversetzen kann.“ In dieser Rolle sei aus seiner Sicht die Aufgabe, komplexe Sachverhalte einfach zu erklären.


Sommer 2022: Marc Schneider als Trainer der SpVgg Greuther Fürth


Die Anforderungen an Trainer nehmen von Jahr zu Jahr zu, Bereiche wie analytische und soziale Kompetenz sowie taktische Komplexität gewinnen immer mehr an Tiefe. Doch wie anstrengend ist es für einen Trainer, wenn er nicht anhand der Leistungsdaten oder Entwicklungsschritte seiner Spieler gemessen wird, sondern nur anhand von Siegen und Titeln? „Der Fußball ist ein Ergebnissport, trotzdem sollten nicht nur die Resultate maßgeblich sein, sondern auch die Entwicklung von Spielern und des Teams. Der Trainer hat das Glück, aber auch das Pech, in einem hoch emotionalen Umfeld arbeiten zu dürfen, in der Zeit meist eine Mangelware ist. Manchmal entscheiden Personen, die wenig Ahnung vom Fußball und den Abläufen haben. Man sieht es anhand von positiven Beispielen wie Thun oder St. Gallen, was passieren kann, wenn man kontinuierlich und mit Geduld arbeitet. Ein großartiges Beispiel ist auch der FC Sion, der jahrelang als Pulverfass galt. Seitdem Didier Tholot vertraut wird, kommt der Erfolg zurück“, bilanziert Schneider.



Die Zielsetzung des FC Vaduz dürfte klar sein. Dass man als Aufsteiger aber auch eine große Überraschung landen kann, hat mit dem FC Thun der Aufsteiger der vergangenen Saison bewiesen, als überraschenderweise die Meisterschaft zu Buche stand. Nur: Im Fall des FC Vaduz würde wieder ein Sonderfall greifen. Der Klub gehört rechtlich nicht dem Schweizerischen Fußballverband an, sondern ist ein Gastverein aus dem Fürstentum Liechtenstein. Da die nationale Meisterschaft an den heimischen Verband gekoppelt ist, bleibt der Titel Schweizer Teams vorbehalten. Sollte Vaduz den Spitzenplatz belegen, würde er in der offiziellen Wertung übersprungen werden.


„Meister können wir nicht werden“, hält Schneider lachend fest. „Wir haben das kleinste Budget der Liga und wissen, wo wir in der Nahrungskette stehen. Nichtsdestotrotz wollen wir überraschen. Wir gehen mit dem Anspruch ins Spiel, jede Partie gewinnen zu wollen. Ich bin kein Fan von Zielsetzungen und dem Ausgeben von möglichen Tabellenplätzen. Ich bin Fan von mutigem Fußball und der Zielsetzung, eine erfolgreiche Saison zu spielen.“


Von Henrik Stadnischenko


Hinweis: Wenn du etwas googelst, bekommst du neben den normalen Ergebnissen auch eine Box mit aktuellen News angezeigt. Wenn du Transfermarkt als bevorzugte Quelle hinterlegst, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für dich auf. Füge Transfermarkt hier als bevorzugte Quelle hinzu.

Weitere News

Letzte Beiträge Newsforum

AnaBobic FC Vaduz AnaBobic 16.07.2026 - 20:05
Großes Kompliment an den Autor! Ein sehr gelungenes Interview mit interessanten Fragen und spannenden Einblicken. Der Artikel ist flüssig geschrieben und von Anfang bis Ende interessant zu lesen. Solche Inhalte machen wirklich Spaß – bitte mehr davon!
Tapred Tapred 15.07.2026 - 02:27
Super sympathisch!
Marc Schneider
FC Vaduz
Marc Schneider
Geb./Alter:
23.07.1980 (46)
Nat.:  Schweiz
Akt. Verein:
FC Vaduz
Aktuelle Funktion:
Trainer
Vertrag bis:
30.06.2028
Im Amt seit:
14.02.2024
Urs Fischer
1.FSV Mainz 05
Urs Fischer
Geb./Alter:
20.02.1966 (60)
Nat.:  Schweiz
Akt. Verein:
1.FSV Mainz 05
Aktuelle Funktion:
Trainer
Vertrag bis:
30.06.2028
Im Amt seit:
07.12.2025
Lucien Favre
Karriereende
Lucien Favre
Geb./Alter:
02.11.1957 (68)
Nat.:  Schweiz
Akt. Verein:
Karriereende
Aktuelle Funktion:
Trainer
FC Vaduz
Gesamtmarktwert:
5,93 Mio. €
Wettbewerb:
Super League
Tabellenstand:
12.
Kadergröße:
27
Letzter Transfer:
Daniel Kasper
SpVgg Greuther Fürth
Gesamtmarktwert:
18,65 Mio. €
Wettbewerb:
2. Bundesliga
Tabellenstand:
16.
Trainer:
Heiko Vogel
Kadergröße:
24
Letzter Transfer:
Omar Megeed
Widerruf Tracking & Cookies

Du hast erfolgreich deine Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die du zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt hast. Du kannst dich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden. Bitte beachte, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wende dich diesbezüglich an datenschutz@transfermarkt.de.