Ex-Schalke-Coach im Interview
Reis: „Alles, was wir jetzt erreichen, ist Bonus“ – Süper-Lig-Dritter mit Samsunspor
©Samsunspor
Thomas Reis kann mit dem türkischen Erstligisten Samsunspor Historisches schaffen. Im Europacup war der Schwarzmeerklub noch nie vertreten – und sieben Spieltage vor Saisonende steht in der Süper Lig Rang drei für das vor Saisonbeginn als Abstiegskandidat gehandelte Team des Ex-Schalke- und -Bochum-Coaches zu Buche. Am Freitag (19 Uhr) kommt mit Meisterschaftsfavorit Galatasaray jedoch ein schwerer Brocken nach Samsun. Im Interview spricht Reis über die Partie gegen den Rekordmeister, gestiegene Erwartungen im Klubumfeld, einen drohenden Kaderumbruch im Sommer und seine eigene Zukunft.
Transfermarkt: Herr Reis, Freitag empfangen Sie mit Samsunspor Galatasaray zum Top-Spiel. Ärgerlich oder psychologisch für Sie sogar von Vorteil, dass ausgerechnet Ihr Verfolger Besiktas die Löwen als erste Mannschaft in dieser Saison bezwungen hat?
Thomas Reis: Man kann sich so etwas ja nicht aussuchen. Im Endeffekt ist es ein Spiel gegen eines der besten Teams der Türkei, das, da der Abstand zum Zweiten etwas geringer geworden ist, mit Sicherheit nicht ganz druckfrei hierherkommt. Für uns kann das Spiel nach zwei Niederlagen in Folge ein Gamechanger sein, der uns in die richtige Spur zurückführt. Vielleicht denken viele erstmal, dass wir normalerweise keine Chance haben. Aber solche Spiele kenne ich aus Deutschland und an einem besonderen Tag, an dem alles funktioniert, kann es möglich werden. Wir freuen uns auf jeden Fall auf eine ausverkaufte Hütte, das ist nicht immer der Fall.
Transfermarkt: Wie bereitet man die eigene Mannschaft auf einen Gegner vor, der mit Top-Stars wie Osimhen, Morata oder Mertens anreist?
Reis: Natürlich sind die Spiele gegen die großen Istanbuler Vereine oder unser Schwarzmeer-Derby gegen Trabzonspor, das vom Prestige her noch etwas höher angesetzt ist, die Highlights der Saison. Und deswegen versucht man schon, den Druck zu nehmen. Wir wollen mit Freude an das Spiel herangehen. Um diese Partien zu genießen, spielt man Fußball und genau deshalb bin ich Trainer geworden. Wir wollen so wenige Fehler wie möglich machen und dann schauen wir, was dabei herausspringt. Der Druck ist, wie gesagt, eher bei Gala als bei uns.
Transfermarkt: Als wir Samsunspor im Herbst erstmals ausführlicher betrachtet haben, sagte unsere Türkei-Expertin, dass Sie die Taktik Ihres Vorgängers Markus Gisdol umgestellt haben – von Umschaltspiel auf Kontrolle. Wie hat sich das über die Saison entwickelt?
Reis: Im ersten halben Jahr haben wir schon ein bisschen anders gespielt. Der Vorteil, den wir aus der Transfersperre ziehen konnten, war, dass die Jungs sich alle gut kannten. Markus hatte hier damals unter schwierigen Bedingungen übernommen, hatte keine Vorbereitung. Er hat sich auf das Spiel auf den zweiten Ball konzentriert und hat damit den Klassenerhalt geschafft. Aber ich hatte die Vorbereitung und dort haben wir an der Philosophie gearbeitet. Mittlerweile ist es aber natürlich so, dass die gegnerischen Teams sich auf uns besser eingestellt haben und wir ein paar Verletzungsprobleme hatten. Daher haben wir uns zuletzt vermehrt aufs Umschaltspiel mit Nadelstichen konzentriert. Aber das ist spielabhängig: Wie fühlt man sich an dem Tag? Worin liegen die Stärken und Schwächen des Kontrahenten?
Transfermarkt: Was ist die Marschroute für Freitagabend?
Reis: Gegen Galatasaray wird es im Normalfall so sein, dass wir etwas weniger Ballbesitz haben. Ich gehe davon aus, dass sie versuchen, das Spiel zu machen und uns unter Druck setzen wollen. Dann ist es zwangsläufig ein Umschaltspiel. Aber wenn sich die Möglichkeit bietet, möchte ich, dass wir den Ball auch mal in den eigenen Reihen über etliche Stationen spielen. Bisher hat uns unser Spirit sehr ausgezeichnet. Der muss auch am Freitag zu sehen sein, wenn wir eine Chance haben möchten.
Fällt Samsunspor noch aus Top-4? Reis über gestiegene Erwartungen
Transfermarkt: Sie haben die letzten weniger guten Ergebnisse schon angesprochen – nur ein Sieg aus den letzten sechs Ligaspielen. Geht Ihnen im Schlussspurt ein wenig die Puste aus?
Reis: Ich habe vor jedem Gegner Respekt, aber wir haben dabei jeweils zumindest eine Halbzeit nicht auf unserem besten Level gespielt. Trotzdem wäre es möglich gewesen, die Spiele zu gewinnen. Zuletzt gegen Antalya (1:2, Anm. d. Red.) hatten wir eine schwächere erste Halbzeit, im zweiten Durchgang das Spiel aber völlig im Griff und viele Torchancen rausgespielt, dort aber leider individuell nicht das Beste draus gemacht. Unser Ziel war der Klassenerhalt. Und jeder hat gesagt, das wird ein Fight bis zum Ende. Wir haben es vorab geschafft, diesen Fight für uns zu entscheiden. Dass jetzt die Ansprüche steigen, dafür kann ich nichts, kann die Mannschaft nichts. Ich nehme das gerne mit, weil damit keiner gerechnet hat. Wir sind ja nicht Real Madrid. Wir wissen schon, wer wir sind.
Transfermarkt: Das Erreichen des Europacups wäre aber eine historische Chance.
Reis: Natürlich. Wenn du in dieser Situation bist, sieben Spieltage vor Schluss unter die Plätze drei bis fünf zu kommen, ist das eine herausragende Sache. Aber ich finde, dass wir so oder so eine Riesensaison spielen. Wir haben fantastisch performt, super viele Punkte geholt, den Klassenerhalt frühzeitig klargemacht. Natürlich wollen wir diese Position jetzt so lange wie möglich verteidigen. Aber man sollte wirklich nicht vergessen, wo man herkommt.
Natürlich wollen wir diese Position jetzt so lange wie möglich verteidigen. Aber man sollte wirklich nicht vergessen, wo man herkommt.
Transfermarkt: Wie nehmen Sie die Sicht darauf in der Stadt, im Klub, in der Mannschaft wahr? Zumindest von außen wirkt der türkische Fußball dahingehend oft noch etwas aufgeregter als der deutsche.
Reis: Natürlich träumt der Präsident, träumen hier alle – das ist ja auch schön. Dass wir überhaupt so weit gekommen sind, dass die Menschen hier träumen dürfen, ist schon verrückt. Wir spielen auf einem ganz hohen Level über die gesamte Saison. Wir müssen jetzt Spieler auch mal ersetzen, was vielleicht im ersten halben Jahr noch nicht so der Fall war. Jetzt sind andere dran, die sich das im Training verdient haben und in die Bresche springen können. Ich bin froh, dass wir diese Phase nicht am Anfang hatten, sondern uns ein Polster erarbeitet haben und davon jetzt zehren können. Wir können relativ druckfrei aufspielen, weil alles, was wir jetzt erreichen, Bonus ist.

Transfermarkt: Springen wir zeitlich etwas zurück. Sie haben mit Markus Gisdol gesprochen, als Sie den Job im Sommer angetreten haben. Was hat er Ihnen geraten?
Reis: Stimmt, aber ich habe bewusst erst danach mit ihm gesprochen, weil ich mir erst zwei, drei Wochen selbst ein Bild von der Mannschaft machen wollte. Ich wollte keine Analyse einzelner Spieler. Es ging letztlich um die Philosophie, die er verfolgt hat, wie der Verein und die Menschen hier ticken. Es ist in der Türkei an einigen Stellen einfach anders als in Deutschland. (schmunzelt) Er hat mir geraten, meine Energie aufs Wesentliche zu konzentrieren: die Mannschaft und die Vorbereitung für das jeweilige Spiel.
Reis über Kultur in der Türkei und sprachliche Herausforderungen
Transfermarkt: „Ich habe den Spielern am Anfang ganz ehrlich gesagt, dass auch ich mich erst einmal einleben muss, dass ich alle kennenlernen muss“, sagten Sie zu Beginn Ihrer Zeit in der Türkei. Wie sehr angekommen sind Sie mittlerweile?
Reis: Sehr gut, denke ich! Es ist trotzdem eine große Herausforderung in einem fremden Land, in einer fremden Kultur, wo man viele Dinge berücksichtigen muss. Jetzt hatten wir gerade den Ramadan. Das war neu für mich, bei gefühlt zwei Drittel der Spieler damit konfrontiert zu sein. In Deutschland sind es pro Mannschaft vielleicht ein oder zwei Spieler. Wie funktioniert dann die Trainingssteuerung, welche Uhrzeit trainierst du, wie ist es am besten? Dazu kommen die Gebetszeiten, gerade am Freitag. Außerdem haben wir elf oder zwölf verschiedene Nationen im Kader. Da hat jeder seine eigene Mentalität, auch wenn er vielleicht mal nicht spielt. Das muss man alles unter einen Hut bringen, aber gleichzeitig einen Rahmen vorgeben, in dem sich alle bewegen. Genau das macht die Aufgabe hier aber auch so spannend. Ich wollte ganz bewusst einmal solch eine Auslandserfahrung in meiner Karriere mitnehmen.
Transfermarkt: Viele Nationalitäten ist ein gutes Stichwort. Wie verständigen Sie sich mit dem Team?
Reis: Ich selbst spreche kein Türkisch. Natürlich versucht man sich ein paar Worte anzueignen, die Basics. Das sorgt ja auch bei den Mitarbeitenden im Verein für ein Lächeln auf dem Gesicht – und ich denke, nicht wegen meiner Aussprache. (lacht) Für die Arbeit mit den Spielern habe ich auch zusätzlich einen Dolmetscher. Gerade unter den türkischen Profis sprechen viele kein Englisch, dann ist das von großem Vorteil. Letztlich habe ich wahrscheinlich in Samsun mehr Leute getroffen, die Deutsch sprechen als Englisch.
Transfermarkt: Wenn Sie die Gegebenheiten vor Ort – Trainingszentrum, Stadion, usw. – betrachten, wie schneidet Samsunspor da im Vergleich mit Bochum, Schalke oder Wolfsburg ab?
Reis: Das sind ja auch in Deutschland schon drei komplett verschiedene Vereine mit unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten. (schmunzelt) Was es hier und auch bei vielen anderen Vereinen in der Türkei gibt, sind eigene Zimmer für die Spieler direkt im Trainingszentrum. Also theoretisch und praktisch können die Jungs nach oder zwischen den Einheiten hierbleiben, sich in der Mittagspause mal hinlegen. Wenn wir zweimal am Tag trainieren, gibt es Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Wir können auf zweieinhalb Trainingsplätzen arbeiten. Das ist sehr, sehr gut. Und der Luxus gerade im Sommer ist, dass, wenn du beim Essen sitzt, gefühlt 30 Meter weiter das Meer anfängt. Das tut dem Herz und dem Gemüt gut.
Reis über eigene Zukunft und Samsunspors Sommertransfers
Transfermarkt: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Sie auch in der kommenden Saison bei Samsunspor auf der Bank sehen?
Reis: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich bleiben kann, ist sehr, sehr groß. Mein Vertrag ist so gestaltet, dass er sich bei Klassenerhalt automatisch verlängert um ein weiteres Jahr. Das haben wir rein rechnerisch noch nicht ganz erreicht, aber das ist bei jetzt 51 Punkten eine Frage der Zeit. Bis jetzt habe ich noch mit keinem anderen Verein gesprochen. Meine volle Konzentration gilt dem Erfolg in dieser Saison. Wir wollen schauen, dass diese möglichst lange in Erinnerung bleibt. Ich habe hier die Chance bekommen, erstmals im Ausland zu arbeiten, das weiß ich zu schätzen. Und was im Sommer dann kommt, wird man nach der Saison besprechen.
© imago - Thomas Reis an der Seitenlinie neben Fenerbahce-Starcoach José Mourinho
Transfermarkt: Die Transfersperre haben Sie schon angesprochen – die ist nun beendet. Wird Samsunspor auf dem Transfermarkt aktiv werden oder weiter auf Beständigkeit setzen?
Reis: Ich denke, das mögen andere Trainer oder Vereine anders sehen, dass ein Kader pro Jahr so um 20 bis 30 Prozent durchgemischt wird. Damit bekommst du neuen Input, schaffst neue Konkurrenzkämpfe. Jetzt haben wir die Situation, dass einige Verträge auslaufen. Da sind Spieler dabei, die wir gern halten möchten. Aber dadurch, dass wir eine gute Saison spielen, gelangen diese entsprechend in den Fokus anderer Vereine. Für diese Fälle muss ein Plan B bereitstehen. Die Planungen dazu laufen parallel. Deswegen denke ich, dass es einen größeren Umbruch geben könnte.
Transfermarkt: Inwieweit sind Sie in die Kaderplanung involviert?
Reis: Fuat Çapa, unser Direktor Profifußball, der mich letztlich auch verpflichtet hat, hat den Hut auf und damit aktuell sehr viel Arbeit. Wir sind natürlich im Austausch, haben regelmäßige Meetings, in denen ich auch mal sage, dass dieser oder jener Spieler vielleicht für uns interessant wäre. Darauf kann aufgebaut werden: Ist es finanziell machbar? Hat dieser Spieler überhaupt Interesse, in die Türkei zu kommen? Das ist nicht immer einfach, weil die Türkei nicht immer unbedingt das Hauptziel eines jüngeren Spielers ist. Aber ich würde auch nicht sagen, wir müssen auf dieser oder jener Position unbedingt suchen. Das wäre ein bisschen respektlos gegenüber den Spielern, die hier sind.
Transfermarkt: Sie haben lange selbst im Jugendbereich gearbeitet. Wie ist Samsunspor dort aufgestellt? Nicht genug auf die nächste Generation zu setzen ist etwas, was türkischen Vereinen gerade mit Blick auf internationale Spiele und das Nationalteam oft vorgeworfen wird.
Reis: Natürlich ist Samsunspor auch darauf bedacht, Jugendspieler voranbringen. Es war in diesem Jahr so, dass der eine oder andere Einsätze erhalten hat. Ein Unterschied zwischen Profis und Jugend ist, dass wir mit der ersten Mannschaft viele der sehr weiten Strecken hier im Land mit dem Flugzeug zurücklegen. Die Jugend dagegen fährt fast überall mit dem Bus hin. Die Jugendspieler sitzen teilweise mehr in Bussen, als dass sie auf dem Trainingsplatz stehen. Das sollte der Verband meiner Meinung nach überdenken. Das hemmt sie in der Entwicklung. Außerdem gibt es keine zweiten Mannschaften, wodurch sie sofort funktionieren müssen. Wenn nicht, werden sie in die 3. oder 4. Liga verliehen.
Transfermarkt: Neben Ihrem läuft auch Kingsley Schindlers Vertrag aus. Er ist Stammkraft und lobte in einem „Sportschau“-Artikel die Zusammenarbeit mit Ihnen in höchsten Tönen. Würden Sie Ihn gern halten?
Reis: Kingsley ist ein sehr angenehmer Spieler. Er kann mehrere Positionen spielen, was ein großer Vorteil ist, wenn man ihn im Kader hat und es zum Beispiel Verletzungen gibt. Er muss sich jetzt natürlich die Frage stellen: Will er noch ein, zwei weitere Jahre hier spielen oder sich vielleicht noch mal verändern? Ich konzentriere mich im Moment mehr auf die aktuellen Gegebenheiten und diese Themen laufen im Hintergrund und werden sicherlich zeitnah geklärt.
Interview: Marius Soyke
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