Paderborner Talente stark gefragt – Sportchef Weber: „Erlauben uns, auch mal Nein zu sagen“
Das Frühjahr ist für die sportlichen Verantwortlichen deutscher Profiklubs eine überaus geschäftige Zeit – vor allem, wenn die anfangs gesteckten Saisonziele schon erreicht sind. Beim SC Paderborn 07 hat für Sport-Geschäftsführer Benjamin Weber (41) und sein Team die heiße Phase der Kaderplanung mit dem quasi sicheren Klassenerhalt nach dem Erreichen der 40-Punkte-Marke begonnen. Im Gespräch mit Transfermarkt gibt der frühere Assistent von Thomas Tuchel Einblicke in seine Arbeit und den Poker um stark gefragte Personalien wie Offensivtalent Ilyas Ansah und Chefcoach Lukas Kwasniok.
Er könne gar nicht so genau sagen, wie viele Termine er derzeit täglich habe, sagt Weber, der in seiner Laufbahn bislang selten Interviews gegeben hat und eher im Hintergrund arbeitet, zum Beginn. Vertragsverlängerungen, mögliche Zugänge, mögliche Abgänge. „Es gibt Phasen, in denen es deutlich mehr Termine sind. An denen man mal vier, fünf Tage unterwegs ist, um Vereine, Berater und Spieler zu besuchen.“ Da müsste er sich mit seinen beiden Scouting-Leitern Robin Kohl und Henri Hyna gut überlegen, wo man sich trifft, wie man sich am besten aufteilt. Entscheidungen über Transfers trifft Weber in einem kleinen Team mit den Scouts und Trainer Kwasniok.
„Der Trainer ist derjenige, der mit den Spielern arbeitet. Daher ist es sehr wichtig, dass er dahintersteht, wenn wir einen Spieler verpflichten“, sagt er. „Je enger wir miteinander arbeiten, desto geringer ist die Fehlerquote bei den Entscheidungen, weil es eine Gesamtüberzeugung gibt.“ Quasi in die berufliche Wiege gelegt bekam Weber dies in Mainz, wo er zwischen 2006 und 2015 arbeitete und unter Christian Heidel Teil des Teams für Kaderplanung und Scouting war. „Wir waren damals auch ein kleines Team und viele Entscheidungen haben funktioniert. Diese Zeit hat mich geprägt.“
Mit diesem System ist Paderborn in den vergangenen Jahren sehr gut gefahren. Weber hatte den Posten Anfang 2023 übernommen, nachdem Fabian Wohlgemuth zum VfB Stuttgart gewechselt war. Seitdem haben die Ostwestfalen 7,45 Millionen Euro für Spieler wie Julian Justvan, Ron Schallenberg, Florent Muslija oder Sirlord Conteh eingenommen und 2,43 Millionen für Neuzugänge ausgegeben. Von allen aktuellen Zweitligisten haben nur Hertha BSC (+40,2 Mio. Euro), der 1. FC Nürnberg (+33,2 Mio.), Schalke 04 (+24,5 Mio.), Fortuna Düsseldorf (12,5 Mio.) und Hannover 96 (7,1 Mio.) einen größeren Transfergewinn erwirtschaftet. Alles Vereine mit einem wesentlich größeren Etat.
Weber mahnt: SC Paderborn muss Etat mittelfristig erhöhen
Seit dem Abstieg aus der Bundesliga 2019/20 rutschte Paderborn im Endergebnis dennoch nie aus der ersten Tabellenhälfte, 2024/25 könnte der dritte Aufstieg seit 2014 realisiert werden. Was die Ausgaben angeht, liegt Paderborn laut Aussage Webers „sehr weit unten“, während der SCP in der Tabelle sehr weit oben steht – auf Platz drei hinter dem HSV und dem 1. FC Köln, die in ganz anderen finanziellen Sphären unterwegs sind. Strukturell und finanziell kann der SCP mit diesen Klubs eigentlich nicht mithalten – macht aber seit Jahren vieles richtig, was den vermeintlich Großen der 2. Liga nicht gelingt. Die Bundesligisten aus Heidenheim oder Kiel lassen grüßen.

Weber mahnt angesichts des Erfolgs Weiterentwicklungen in allen Bereichen des Klubs an, um den Paderborner Weg weitergehen zu können. Schon auf der Mitgliederversammlung im Januar hatte der Sportchef betont, dass Erlöse gesteigert und der Profietat erhöht werden müssen, wolle man sportlich weiter so konkurrenzfähig sein. Rekord-Abgang ist seit 2012 Nick Proschwitz mit 3,3 Mio. Euro, während andere Zweitligisten, zuletzt insbesondere Nürnberg, deutlich mehr für ihre Spieler kassieren.
Bei TM sagt Weber: „Je höher dieser Etat wird, je höher wir uns im Mittelfeld und vielleicht mal irgendwann finanziell im oberen Drittel etablieren können, desto größer können auch unsere Ziele werden. Es ist so, dass wir am absoluten Anschlag sind, was unsere Leistung betrifft. Das gilt für das Trainerteam, das gilt für die sportliche Führung und die Spieler. Deshalb ist ein Sieg, ein Punktgewinn für uns vielleicht mehr wert. Weil wir wissen, was es bedeutet, sich zu verausgaben, alles rauszuhauen und Siege und Punkte zu feiern. Natürlich sind wir sehr stolz auf das, was wir aktuell liefern. Aber uns ist auch bewusst, dass wir uns nicht nur im sportlichen Bereich, sondern auf allen Ebenen des Vereins ständig weiterentwickeln müssen.“
Weber gilt zwar als überaus loyal, sollte diese Entwicklung nicht einsetzen, kann aber wohl nicht ausgeschlossen, dass er, wie viele Spieler und Mitarbeiter vor ihm, dem Ruf größerer Vereine folgt. Seine Arbeit ist aktuellen Bundesligisten längst aufgefallen, wie Transfermarkt aus dem Umfeld mehrerer Klubs erfuhr – ohne dass es in diese Richtung schon Gespräche gegeben habe. Der Erfolg spricht für Weber: Seit seinem Antritt ist Paderborns Kaderwert um 38,5 Prozent gestiegen, von 19,5 auf 27,5 Mio. Euro. Im Zweitliga-Marktwert-Update am 26. März wird es vor allem dank der Talente Aaron Zehnter (20), Santiago Castañeda (20) und Ilyas Ansah (20) noch einmal deutlich nach oben gehen. Die höheren Erlöse – zumindest auf dem Transfermarkt – könnte Paderborn im Sommer erzielen, alle drei Spieler sind längst in den Fokus von Bundesligisten gerückt, Ansah wurde zuletzt konkret mit Eintracht Frankfurt in Verbindung gebracht.

Das soll laut Weber aber nicht bedeuten, dass zwingend – wie in den vergangenen Jahren – das Tafelsilber abgegeben wird. Gerade, wenn der Aufstieg gelingen sollte. „Wenn so viele Spieler von Klubs in höheren Ligen umworben werden, ist das eine Auszeichnung für uns. Offenbar haben wir Spieler, die nicht nur in der Lage sind, Zweitliga-Fußball zu spielen. Unser Kader hat das Potenzial, dass ein Großteil der Spieler in der nächsten Saison auf einem höheren Niveau agieren können. Und wenn auch wir als Verein den Spielern das nächsthöhere Niveau bieten können, ist das gut für alle.“
Abgänge beim SC Paderborn? Heft des Handelns in der Hand
Die Balance zu finden zwischen der eigenen sportlichen Qualität und dem finanziellen Aspekt, ist eine schwierige Angelegenheit, die der Klub in den vergangenen Jahren mit Bravour gemeistert hat. Die gute Entwicklung lasse es mittlerweile zu, dass „wir uns erlauben, auch mal Nein zu sagen, das haben wir jetzt schon öfter getan.“ Ausstiegsklauseln in den Verträgen der begehrten Profis wollte er weder bestätigen noch dementieren, betonte aber, dass Paderborn das Heft des Handelns in der Hand halte – auch wegen guter Absprachen mit den Spielern und Beratern.
„Wir können entscheiden, ob wir einen Spieler gehen lassen oder nicht. Wir werden immer sehr gut überlegen, wann der richtige Moment ist. Es ist dabei wichtig, mit den Spielern zu sprechen: Was brauchen sie noch, um den nächsten Entwicklungsschritt zu machen? Je mehr wir bieten können, um den Spieler länger zu halten, desto besser. Nicht nur sportlich, auch wirtschaftlich“, so Weber. „Natürlich ist es anstrengend, immer wieder Abgänge kompensieren zu müssen. Aber wir versuchen vorzugeben, wann das passiert. Es ist ganz normal, dass es immer noch einen Verein auf einem Level darüber gibt – ob in Paderborn oder anderswo. Eine große Stärke im Verein ist erreicht, wenn man es selbst entscheiden kann, wann die nächsten Schritte der Spieler oder Verantwortlichen kommen. Und da werden wir immer besser, selbstbewusster, weil wir immer mehr zu bieten haben. Das heißt, dass die Menschen gerne bei uns arbeiten, dass die Spieler gerne bei uns trainieren. Es ist nicht so leicht, etwas Besseres zu bieten. Darauf sind wir stolz.“
Das gelte ebenso für Trainer Kwasniok, der vertraglich bis 2026 gebunden ist. Er wird immer wieder mit einem Wechsel in Verbindung gebracht – zuletzt mit dem VfB Stuttgart, wo mit Wohlgemuth der Sportvorstand aktiv ist, der ihn schon 2021 zum SCP geholt hatte. Seit Amtsantritt hat Kwasniok in 136 Spielen im Schnitt 1,6 Punkte geholt. In den vergangenen 15 Jahren schafften in Paderborn nur Steffen Baumgart (1,62) und Roger Schmidt (1,78) mehr – Letzterer war aber nur ein Jahr da.
Lässt Paderborn Kwasniok ziehen? „Sicher, dass er seinen Weg geht“
Im Winter hatte Paderborn dem HSV eine Absage erteilt, das gelte allerdings nicht grundsätzlich auch für den Sommer. „Es ist bei Lukas wie bei den Spielern: Wir wollen die Bedingungen bieten, damit man den nächsten Schritt gehen kann. Wenn der Zeitpunkt da ist und wir alle überzeugt davon sind, dass es der richtige Moment ist, werden wir darüber sprechen. Wir müssen das Fass nicht aufmachen, aber im Winter hatten wir eine andere Konstellation. Zu dem Zeitpunkt haben wir nicht über das nächste Level für ihn gesprochen, weil wir dieses Jahr selbst in der Lage sind, oben mitzuspielen. Am Ende ist der Verein das Wichtigste und deswegen kommen die Fans ins Stadion. Ich kann nur sagen: Lukas ist ein hervorragender Trainer und ich bin mir sicher, dass er seinen Weg geht. Dafür drücken wir ihm alle Daumen. Gemeinsam werden wir sehen, wann der richtige Moment dafür ist“, so Weber. „Der Verein hat sich in der jüngeren Vergangenheit unabhängig gemacht von einzelnen Personen. Ob das jetzt der Trainer ist, ein Spieler oder sportlicher Verantwortlicher.“
Die guten, klaren Absprachen, die Perspektive, auf hohem Niveau Spielzeit zu bekommen, und die ruhige Arbeitsatmosphäre fernab von kritischer medialer Berichterstattung sieht Weber als gewichtige Argumente dafür, dass sich immer wieder talentierte Spieler für Paderborn entscheiden. Trotz der vielen Abgänge schafft der Klub es bisher immer wieder, eine mehr als konkurrenzfähige Mannschaft ins Rennen zu schicken. Neben den erwähnten Ansah, Zehnter und Castañeda starteten in dieser Saison Eigengewächs Luis Engelns (20) oder der aus der Regionalliga-Mannschaft des FC St. Pauli verpflichtete Tjark Scheller (23) durch.
Leistungsträger im besten Alter sind Raphael Obermair (28), der aus Essen gekommene Ex-Bundesliga-Profi Felix Götze (27) oder Top-Scorer Filip Bilbija (24), der sich beim HSV nicht durchsetzen konnte, in Paderborn aber das Glück gefunden hat. Routiniers wie Rückkehrer Sven Michel (34), Neuner Adriano Grimaldi (33) und der im Winter gekommene Manuel Riemann (36) runden den Kader ab.
„Viele Spieler und Berater wissen: Hier hat man die nötige Ruhe, kann man auch mal einen Fehler machen und wird nicht direkt medial zerrissen. Wir erlauben jedem, Fehler zu machen. Dadurch trauen wir uns zu, ein bisschen freier und kreativer zu sein, mutiger in den Entscheidungen auf allen Ebenen“, sagt Weber, der betont, dass es nicht helfe, nur junge Spieler mit möglichst hohem Wiederverkaufswert zu verpflichten. Paderborn wolle „keine Scouting-Mannschaft sein, in der nur Marktwerte generiert werden, sondern eine erfolgreiche Mannschaft. Wir sind am Ende alle Sportler und haben zum Beispiel eine Verantwortung all den Spielern gegenüber, die vielleicht nicht mehr den nächsten Schritt vor sich haben, sondern sich bei uns sehen. Wir wollen den maximal sportlichen Erfolg haben, oben angreifen und uns trauen, jedes Spiel zu gewinnen und nicht nur den maximal wirtschaftlichen über Transfers. Dafür bringt es nichts, nur junge Talente zu holen, sondern auch ältere Spieler, die das ganze Konstrukt zusammenhalten. Wir brauchen immer eine gute Balance im Kader.“
Um auf dem Markt derart erfolgreich zu sein, konzentrieren sich Weber und sein Team auf bestimmte Nischen: „Wir fischen nicht in Märkten, wo wir nicht so gut aufgestellt sein können. Es gibt Nischen für uns und dort wollen wir das absolut beste Wissen haben. Wir arbeiten sehr viel mit Daten und schauen uns einen interessanten Spieler oft an.“ Die eigene U21, die seit 2023 in der Regionalliga West aufläuft, sowie die U19 sieht er als ebenso wichtigen Pool für den Profikader. „Wir können vielleicht nicht den gleichen Vertrag anbieten wie andere Vereine – nicht in der Jugend oder bei den Mitarbeitern, noch bei den Profis. Aber Geschichten wie Luis Engelns, Ilyas Ansah oder Martin Ens steigern die Überzeugungsfähigkeit gegenüber Spielern, egal, ob wir sie als Profi oder für die U19 verpflichten wollen. Wir leben das nicht nur vor, sondern lassen Taten folgen. Deshalb kommen viele gern zum SC Paderborn 07. Wer Leistung bringt, ist bei uns herzlich willkommen, das nächste Level zu erreichen.“
Interview & Text: Marius Soyke
Hinweis: Wenn du etwas googelst, bekommst du neben den normalen Ergebnissen auch eine Box mit aktuellen News angezeigt. Wenn du Transfermarkt als bevorzugte Quelle hinterlegst, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für dich auf. Füge Transfermarkt hier als bevorzugte Quelle hinzu.
Letzte Beiträge Newsforum
Ich bin auf den Sommer vor allem gespannt, wenn wir nicht aufsteigen sollten. Man wird dann viele Talente nicht halten können, was aber nicht unbedingt schlimm ist. Hätte Muslija damals verlängern wollen, hätten wir jetzt nicht Zehnter. Jeder Spieler ist bei und ein Stück weit ersetzlich, auch wenn es zum Teil echt sehr schade ist. Wenn Zehnter diesen Sommer keine Klauseln hat, wie eine Ausstiegsklausel oder Rückkaufoption für Augsburg, dann kann ich mir schon vorstellen, dass er der erste Transfer wird, der bei uns die 5 Millionen Marke überschreitet. Auch wenn ich mir sicher bin, dass Augsburg an ihm ein bisschen mitverdienen wird.
- Geb./Alter:
- 08.11.2004 (21)
-
Nat.:
- Akt. Verein:
- 1.FC Union Berlin
- Vertrag bis:
- -
- Position:
- Mittelstürmer
- Marktwert:
- 12,00 Mio. €
- Geb./Alter:
- 31.10.2004 (21)
-
Nat.:
- Akt. Verein:
- VfL Wolfsburg
- Vertrag bis:
- 30.06.2030
- Position:
- Linker Verteidiger
- Marktwert:
- 5,00 Mio. €
- Geb./Alter:
- 11.03.2007 (19)
-
Nat.:
- Akt. Verein:
- TSG 1899 Hoffenheim
- Vertrag bis:
- -
- Position:
- Defensives Mittelfeld
- Marktwert:
- 4,00 Mio. €
- Geb./Alter:
- 13.11.2004 (21)
-
Nat.:
- Akt. Verein:
- SC Paderborn 07
- Vertrag bis:
- 30.06.2027
- Position:
- Defensives Mittelfeld
- Marktwert:
- 5,00 Mio. €
- Geb./Alter:
- 16.05.1983 (43)
-
Nat.:
- Akt. Verein:
- FC Augsburg
- Aktuelle Funktion:
- Sportdirektor
- Im Amt seit:
- 01.07.2025
- Gesamtmarktwert:
- 43,38 Mio. €
- Wettbewerb:
- Bundesliga
- Trainer:
- Ralf Kettemann
- Kadergröße:
- 32
- Letzter Transfer:
- Gabriel Vidovic






