18.04.2026 - 09:09 | Quelle: Transfermarkt | Lesedauer: unter 10 Min.
FC St. Gallen 1879
Enrico Maaßen
Trainer im TM-Interview 

Maaßens „riesiger Spaß“ in St. Gallen und die FCA-Lehren: „Die Geschichte war komplex“

Maaßens „riesiger Spaß“ in St. Gallen und die Lehren vom FC Augsburg
©IMAGO

Enrico Maaßen hielt mit dem FC Augsburg im Mai 2023 knapp die Bundesliga, im darauffolgenden Oktober musste der Wismarer allerdings seinen Hut nehmen. Der 42-Jährige arbeitete seine erste Station in einer ersten Liga intensiv auf, bevor er zur Saison 2024/25 erholt das Abenteuer FC St. Gallen wagte. Und das mit Erfolg. Im Transfermarkt-Interview spricht Maaßen über seine Gedanken und Lehren nach dem Aus beim FCA, sein Glück und seine Titelambitionen in der Schweiz, Ungeduld sowie die Vorzüge der Super League. Zudem verrät der Coach, warum er das zur TSG 1899 Hoffenheim wechselnde Stürmertalent Alessandro Vogt (21) lieber noch ein Jahr in St. Gallen gesehen hätte.


Transfermarkt: Herr Maaßen, Hand aufs Herz: Haben Sie damit gerechnet, dass Ihr Engagement beim FC St. Gallen von längerer Dauer sein würde? Man hätte den Verdacht schöpfen können, dass der Schweizer Klub ein gutes Sprungbrett ist, um wieder in den Fokus größerer Ligen und Vereine zu geraten …


Enrico Maaßen: Ich habe mir nach Augsburg bewusst Zeit gelassen. Ich habe das halbe Jahr genutzt, um zu reflektieren und über den Tellerrand zu schauen. Ich war in mehreren Ländern, habe mir einiges angesehen, Gespräche mit Sportdirektoren geführt und auch die Zeit mit meiner Familie genossen. Und im Sommer wollte ich wieder bei einem Klub übernehmen. Ich hatte mir im Vorfeld natürlich Gedanken darüber gemacht, wie mein nächster Schritt aussehen könnte, wollte etwas tun, was ich bisher so nicht gemacht und noch nicht im Werkzeugkasten hatte. Mit einer ersten Liga im Ausland und vielleicht eines Tages der Chance, international zu spielen oder einen Titel zu gewinnen. Dann kam St. Gallen und es hat sich hervorragend angefühlt. Bis hierhin bin ich sehr froh, dass ich mich so entschieden habe.



Transfermarkt: Wie schwierig war die Anfangszeit für Sie nach dem Aus beim FCA im Oktober 2023?


Maaßen: Wenn du ambitioniert bist, willst du am liebsten so schnell wie möglich nach oben. Aber es gibt nun einmal Rückschläge. So hat sich das im ersten Moment auch angefühlt. Deswegen war es mir wichtig, mich nicht direkt ins nächste Abenteuer zu stürzen, sondern zu reflektieren, mir Zeit zu nehmen und mit mir nahestehenden Personen zu sprechen. Für mich war klar, dass ich erst im Sommer etwas Neues beginnen möchte. Das habe ich auch so durchgezogen.


Enrico Maaßen startete seine Trainerkarriere bei der SV Drochtersen/Assel in der Oberliga Niedersachsen und Regionalliga Nord
Enrico Maaßen startete seine Trainerkarriere bei der SV Drochtersen/Assel in der Oberliga Niedersachsen und Regionalliga Nord


Transfermarkt: Welche Optionen hätte es vor Ihrer Zusage in St. Gallen gegeben? Gemunkelt wurde über Interesse des 1. FC Kaiserslautern, des 1. FC Köln und Rapid Wien


Maaßen: Es wäre nicht professionell, im Detail darüber zu sprechen. Aber ja, es gab unmittelbar nach meiner Zeit in Augsburg die Möglichkeit, wieder etwas zu machen. Wie oben bereits erwähnt, habe ich aber bewusst die Entscheidung getroffen, erst im Sommer einen neuen Klub zu übernehmen.


Mitarbeiter
Enrico Maaßen
E. Maaßen Alter: 42
FC St. Gallen 1879
FC St. Gallen 1879
Alle Saisons -
Alle Wettbewerbe
Spiele
105
Gewonnen
52
Unentschieden
27
Verloren
26


Transfermarkt: Wie würden Sie die Verbindung zwischen sich und dem FC St. Gallen beschreiben?


Maaßen: Die Art und Weise, wie wir hier miteinander umgehen und auch wie ambitioniert wir arbeiten, passt sehr gut. St. Gallen ist ein emotionaler Klub. Ich habe kürzlich den Vergleich zu Dortmund gezogen, wo ich zwar nur als Trainer der zweiten Mannschaft arbeitete, was aber trotzdem sehr emotional war. Wenn ich das im Verhältnis zur Schweiz sehe: Wir haben hier ein sehr wuchtiges Stadion, das fast immer ausverkauft ist, sowie ein ambitioniertes Umfeld, das zu mir passt. Der Klub steht dafür, junge Spieler für intensiven Fußball auszubilden – von daher gibt es eine große Schnittmenge.


FC St. Gallen: Maaßen über Risiko mit jungen Spielern und Verkauf von Vogt


Transfermarkt: Sie sagten im Zuge Ihrer Verlängerung bis 2028 zu Jahresbeginn: „Wir arbeiten in einem stabilen und gesunden Verein und können hier nachhaltig etwas entwickeln.“ Klingt so einfach. Sind solche Bedingungen im Profifußball kaum noch auffindbar?


Maaßen: Ich glaube, das ist nicht alltäglich und ich wertschätze sehr, wie wir hier arbeiten und wie gut die Verbindung zu den Verantwortlichen im Klub ist. Wir haben in diesem Jahr viele Spieler aus der eigenen Jugend hochgezogen. Das zeigt, welchen gemeinsamen Weg wir gehen wollen. Wenn du mit vielen jungen Spielern arbeitest, ist das Risiko da, dass es vielleicht nicht funktioniert. Wir haben im Sommer unseren besten Torjäger Willem Geubbels für eine Stange Geld (9 Millionen Euro; d. Red.) nach Paris verkauft und keinen klaren Ersatz geholt, sondern stattdessen mit Alessandro Vogt einem Spieler aus der eigenen Jugend den Raum gelassen, sich zu entfalten. Auch er wird im kommenden Sommer den nächsten Schritt gehen können. Das ist die Philosophie des Klubs, die wird miteinander gelebt.


Marktwert
Alessandro Vogt
A. Vogt Mittelstürmer
8,00 Mio. €


Transfermarkt: Der 21-jährige Vogt wird für 2,7 Millionen Euro zur TSG 1899 Hoffenheim in die Bundesliga wechseln (zur Transfernews). Passiert das aus Ihrer Sicht zu früh?


Maaßen: Wenn die Bundesliga ruft, ist das nochmal ein anderes Level, der Druck von außen ist höher, die Konkurrenz größer. Ich habe ja schon ein paar Mal gesagt, dass es Alessandro vermutlich gutgetan hätte, auf diesem Niveau hier in St. Gallen noch ein weiteres Jahr zu spielen, um nachhaltig anzukommen. Aber er hat als junger Spieler schon jetzt 15 Tore geschossen und Leistungen gezeigt, die ihn dazu befähigen, zeitnah auch den Durchbruch in der Bundesliga zu schaffen.


Der Trainer und sein Torjäger: Enrico Maaßen (l.) klatscht mit Alessandro Vogt ab
Der Trainer und sein Torjäger: Enrico Maaßen (l.) klatscht mit Alessandro Vogt ab


Transfermarkt: Ihr Team hat den vereinsinternen Ungeschlagen-Rekord gebrochen und weist damit zugleich eine der erfolgreichsten Serien in der Schweizer Ligageschichte auf. Was bedeutet Ihnen das?


Maaßen: Das zeigt, dass wir die Mannschaft im vergangenen Sommer gut zusammengestellt haben. Es war Bestandteil unserer Analyse, dass wir eine klarere Rollenverteilung wollten mit eindeutigen Führungsspielern und jungen Spielern, die Druck erzeugen oder sich nun sogar schon in die Stammformation gekämpft haben. Im Vorjahr hatten wir ein erfahreneres Team mit teilweise zwei oder drei Spielern auf einer Position im gleichen Alter. Die Jungen verschaffen uns viel Identität, wir sind eng miteinander verbunden und spielen einen sehr intensiven Fußball mit viel Energie. Zudem wissen wir, was uns auch bei Rückschlägen starkmacht, um wieder ins Spiel zurückzukommen.



Transfermarkt: Nach Platz acht in der ersten Saison sind Sie Zweiter der Super League hinter dem FC Thun, der sich die Meisterschaft nicht mehr nehmen lassen dürfte. Dafür winkt der Schweizer Cup und damit die erste Trophäe seit 2000, wenn das Halbfinale gegen Yverdon Sport am Sonntag (19. April) gewonnen wird. „Wir haben ein fantastisches Publikum und träumen ist erlaubt“, sagten Sie nach dem erfolgreichen Saisonstart. Wie konkret sind die Titelträume inzwischen?


Maaßen: Jeder im Team, Verein und Umfeld wünscht sich, dass wir den Pokal gewinnen. Wir sind nah dran, aber es sind noch Schritte zu gehen. Es mag eine Floskel sein, aber die Chance im Pokal liegt immer bei 50/50. Ich ziehe immer einen Vergleich heran: Der FC Bayern stand das letzte Mal 2020 im DFB-Pokalfinale. Es ist also nicht einfach, dieses ambitionierte Ziel, das wir ausgegeben haben, zu erreichen. Wir sind der Favorit, aber müssen alles abrufen.



Maaßen: Darum ging es beim FC Augsburg nicht mehr weiter


Transfermarkt: Sie hatten in Augsburg im Sommer 2022 übernommen und die Fuggerstädter mit etwas Glück zum Klassenerhalt geführt, ehe es abwärts ging. Im Schnitt holten Sie 0,95 Punkte pro Partie. Warum ging es in der Rückbetrachtung auseinander?


Maaßen: Wir hatten damals auf und neben dem Platz einen extremen Umbruch. Der FC Augsburg hat das erste Mal mit ganz vielen jungen internationalen Spielern zusammengearbeitet. Mit den Verkäufen hat der Klub kurze Zeit später viel Geld verdient. Am Ende haben wir in einer schwierigen Saison den Klassenerhalt geschafft und damit das Saisonziel erreicht. Stuttgart war auf dem Relegationsrang, Schalke und Hertha sind abgestiegen. Wir haben nicht die Konstanz reinbekommen, die wir uns gewünscht hätten. Ich glaube, die Geschichte war komplex. Dennoch blicke ich positiv auf die Zeit zurück. Ich habe bis heute einen guten Draht zu Mitarbeitern, Verantwortlichen und auch zu vielen Spielern. Ich habe wichtige Dinge für mich mitgenommen und gehe dort auch heute noch gerne ins Stadion.



Transfermarkt: Welche Erkenntnisse und Lehren haben Sie denn aus Ihrem Engagement beim FCA für Ihre nachfolgende Station gezogen?


Maaßen: Die Medienlandschaft in Augsburg war zum Beispiel deutlich größer als bei Dortmund II, Rödinghausen und Drochtersen/Assel. Es gab viele Gruppen – neben den Medien und vielen Vereinsmitarbeitern auch die Fans –, die ein großes Interesse am Verein hatten. Es war das erste Mal in meiner Karriere der Fall, mit so vielen verschiedenen Interessengruppen umzugehen. Da habe ich auf jeden Fall sehr viel für mich mitgenommen.



Transfermarkt: Sie sollen damals in Augsburg Berichten zufolge schon nach kurzer Zeit unter Beobachtung gestanden haben, weil der Saisonstart kompliziert verlief, ehe Sie zwischenzeitlich für die beste Punkteausbeute der FCA-Historie sorgten. Sind Sie stress- und druckresistent in diesem Geschäft oder fällt es Ihnen schwer, solche Einflüsse zu ignorieren?


Maaßen: Es war schwierig zu Beginn, das stimmt. Aber dann haben wir eine gute Serie gestartet und sogar den FC Bayern geschlagen (1:0 am 17. September 2022; d. Red.). Ich glaube, dass ich eine gute Balance gefunden habe und sehr bewusst abschalten kann, wenn ich nach Hause fahre. Ich habe ein gutes familiäres Umfeld und positive Menschen an meiner Seite. Das brauchte es, um den Druck mal beiseitezuschieben. Ein wichtiger Punkt ist, dass ich relativ wenig über mich lese. Ich denke, das kann man sich sparen.


Mitarbeiter
Enrico Maaßen
E. Maaßen Alter: 42
FC Augsburg
FC Augsburg
Alle Saisons -
Alle Wettbewerbe
Spiele
44
Gewonnen
11
Unentschieden
9
Verloren
24


Transfermarkt: Sie wurden mit 38 Bundesliga-Trainer, kamen damals von Borussia Dortmund II. Kam das Angebot des FCA genau zum richtigen Zeitpunkt oder zu früh?


Maaßen: Ich denke, das ist kein Thema des Alters. Es hatte sich zu diesem Zeitpunkt sehr gut angefühlt und ich glaube, dass Augsburg die richtige Entscheidung war. Ich hatte einen Dreijahresvertrag unterschrieben und wusste, dass ich wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben mehr Spiele verlieren als gewinnen werde. Ich wusste auch, wie lange die Trainer vor mir in Augsburg tätig waren, und wollte diese Challenge annehmen.


27. August 2023: Bayern-Trainer Thomas Tuchel (l.) und Augsburg-Coach Enrico Maaßen – die Münchner gewannen zuhause 3:1. Nach fünf weiteren Spielen wurde Maaßen beurlaubt
27. August 2023: Bayern-Trainer Thomas Tuchel (l.) und Augsburg-Coach Enrico Maaßen – die Münchner gewannen zuhause 3:1. Nach fünf weiteren Spielen wurde Maaßen beurlaubt


Maaßen und die Ungeduld – Unterschiede zwischen Schweiz und Deutschland


Transfermarkt: Wie geduldig oder ungeduldig sind Sie als Trainer?


Maaßen: Ich glaube, ich bin ein ungeduldiger Mensch (schmunzelt). Wenn man vorankommen möchte, soll alles im besten Fall schnell und gut funktionieren. Ich bin jemand, der trotzdem versucht, so empathisch wie möglich den Spielern gegenüberzutreten – mit der nötigen Klarheit und Ehrlichkeit. Und diese tut auch manchmal weh. Aber für mich ist es wichtig, dass jeder gerne hierherkommt. Damit meine ich nicht nur meine Spieler, sondern alle Mitarbeiter rund ums Team. Jeder soll sich mitentwickeln und einbringen. So habe ich das bislang überall gelebt.



Die Bedingungen sind top, es fehlt uns an nichts.



Transfermarkt: Was sind die größten Unterschiede zwischen dem Schweizer und dem deutschen Fußball?


Maaßen: Die Unterschiede liegen ein Stück weit darin, dass in der Bundesliga vielmehr über das Kollektiv entschieden wird. In der Schweiz werden viele Spiele durch individuelle Klasse entschieden. Die Schweizer Liga ist grundsätzlich gut für junge Spieler. Die Durchlässigkeit aus den Nachwuchsteams in die erste Mannschaft ist höher und damit auch die Chance, es aus dem Jugendbereich zu den Profis zu schaffen. Die Bedingungen sind top, es fehlt uns an nichts. Die Schweizer Nationalmannschaft ist sehr gerne in St. Gallen, was daran liegt, dass wir infrastrukturell sehr gut aufgestellt sind.



Transfermarkt: Welche Trainer-Vorbilder haben Sie?


Maaßen: Diese Frage bekomme ich häufig gestellt. Ich habe kein wirkliches Vorbild. Aber natürlich gibt es Trainer, die mich inspiriert haben. Ich finde es beeindruckend, wie spezifisch und individuell beispielsweise Marcelo Bielsa mit Spielern arbeitet, auch die Intensität gefällt mir. Er ist ein sehr interessanter Trainer.


Mitarbeiter
Marcelo Bielsa
M. Bielsa Alter: 71
Alle Saisons -
Alle Wettbewerbe
Spiele
568
Gewonnen
274
Unentschieden
124
Verloren
170


Transfermarkt: Sie sind im März 42 geworden und damit noch immer ein junger Cheftrainer. Welche Ziele und Wünsche haben Sie, die Sie unbedingt erreichen wollen?


Maaßen: Der Fußball ist schwer kalkulier- und planbar. Deshalb liegt mein Fokus auf dem Hier und Jetzt und darauf, die Saison mit St. Gallen so gut wie nur möglich abzuschließen. Ich strebe nach dem Maximum und möchte so lange und erfolgreich wie möglich arbeiten. Mir macht die Arbeit riesigen Spaß und ich bin hungrig. Das sollte in meinem Alter so sein. (schmunzelt) Was die Zeit bringt, werden wir sehen.


Interview: Philipp Marquardt



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Autor
PhilippMrq
Philipp Marquardt
TM-Username: PhilippMrq

Alle Beiträge des Autors
Alessandro Vogt
TSG 1899 Hoffenheim
Alessandro Vogt
Geb./Alter:
03.02.2005 (21)
Nat.:  Schweiz Italien
Akt. Verein:
TSG 1899 Hoffenheim
Vertrag bis:
30.06.2031
Position:
Mittelstürmer
Marktwert:
8,00 Mio. €
Enrico Maaßen
FC St. Gallen 1879
Enrico Maaßen
Geb./Alter:
10.03.1984 (42)
Nat.:  Deutschland
Akt. Verein:
FC St. Gallen 1879
Aktuelle Funktion:
Trainer
Vertrag bis:
30.06.2028
Im Amt seit:
01.07.2024
FC St. Gallen 1879
Gesamtmarktwert:
31,85 Mio. €
Wettbewerb:
Super League
Tabellenstand:
3.
Kadergröße:
30
Letzter Transfer:
Andrin Hunziker
FC Augsburg
Gesamtmarktwert:
160,40 Mio. €
Wettbewerb:
Bundesliga
Trainer:
Manuel Baum
Kadergröße:
29
Letzter Transfer:
Tom Wisbereit
Schweizer Cup

Halbfinale   |  So., 19.04.2026    | 15:00 Uhr

Halbfinale
19.04.26
15:00 Uhr

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