Trotz viertwertvollstem Kader
Wirtz zählt DFB-Team nicht zu den WM-Favoriten – Stärkt Liverpool-Trainer Slot den Rücken
©IMAGO
Florian Wirtz hat nach seinem Wechsel von Bayer Leverkusen zum FC Liverpool eine Saison mit Höhen und Tiefen hinter sich. Im Interview mit „The Athletic” sprach der 23 Jahre alte Offensivspieler über seinen Transfer nach England, die abgelaufene Saison und die Anpassungsprobleme in der Premier League. Zudem blickte Wirtz auf die Weltmeisterschaft und die Chancen der deutschen Nationalmannschaft.
In der letzten Länderspielpause zeigte Wirtz, welche Bedeutung er für die DFB-Auswahl hat. Beim 4:3 gegen die Schweiz war er der herausragende Akteur und an allen vier Toren beteiligt. „Ich freue mich riesig auf meine erste Weltmeisterschaft. Ich bin in guter Form. Vor vier Jahren wäre es noch etwas zu früh für mich gewesen. Dieses Mal möchte ich eine wichtige Rolle spielen, Verantwortung übernehmen und dabei helfen, die Mannschaft anzuführen. Hoffentlich wird es ein großartiger Sommer“, sagte Wirtz, der bei 39 Länderspielen steht. Die WM 2022 in Katar verpasste er mit einem Kreuzbandriss.
In der Gruppe E ist Deutschland gegen Curaçao (14. Juni), die Elfenbeinküste (20. Juni) und Ecuador (25. Juni) der klare Favorit. Bei den vergangenen beiden Turnieren in Russland und Katar war für den viermaligen Weltmeister nach der Gruppenphase Schluss. Wirtz ist optimistisch, dass die deutsche Nationalmannschaft ein gutes Turnier spielen wird. „Wir haben eine gute Mannschaft, einen guten Trainer und wenn wir unser Potenzial ausschöpfen, haben wir definitiv eine Chance, aber ich würde nicht sagen, dass wir die Favoriten sind.“ Mit einem Kaderwert von 1,01 Milliarden Euro stellt Deutschland das viertwertvollste Team des Turniers.
Wirtz über erstes Jahr bei Liverpool: „Alles andere als zufrieden“
Kein Klub investierte in der abgelaufenen Saison mehr Geld als der FC Liverpool. Insgesamt zahlten die Reds 481 Millionen Euro für neue Spieler, darunter 125 Millionen für Wirtz. Einen Spieltag vor dem Ende liegen die Reds in der Premier League auf Rang fünf, in der Champions League war im Viertelfinale gegen PSG Schluss und auch in den beiden Pokalwettbewerben blieb der Klub hinter den Erwartungen. „Wir sind alle alles andere als zufrieden mit dieser Saison. Ich glaube, wir können noch etwas daraus machen, indem wir uns am Sonntag für die Champions League qualifizieren. Das müssen wir schaffen. Im Sommer müssen wir dann den Kopf frei bekommen und die nächste Saison in Angriff nehmen, denn wir haben einen sehr guten Kader und können viel besser abschneiden“, lautete Wirtz’ Fazit.
Auch Wirtz, der Kai Havertz als teuersten deutschen Fußballer ablöste, hatte in dieser Saison seine Probleme. Lange Zeit blieb er hinter den hohen Erwartungen zurück, schließlich war er bis zum 145 Mio. Euro schweren Transfer von Alexander Isak im August der teuerste Spieler der Premier-League-Historie. „Natürlich sind die Erwartungen anders, wenn man als hochpreisiger Neuzugang kommt. Aber das ist nur eine Zahl und die Ablösesummen steigen generell“, erklärte Wirtz. „Du musst verstehen, dass es nicht in deiner Verantwortung liegt, wie viel du kostest. Der Preis ergab sich aufgrund meiner bisherigen Leistungen. Du musst das aus deinem Kopf verbannen und dich einfach darauf konzentrieren, ein guter Spieler zu sein.“
Es dauerte bis kurz nach Weihnachten, ehe Wirtz seinen ersten Treffer erzielen konnte. Beim 2:1 gegen den späteren Absteiger Wolverhampton durfte der Ex-Leverkusener erstmals ein Tor an der Anfield Road bejubeln. „Das war ein guter Moment, an dem sich für mich die Lage ein wenig gewendet hat. Ich habe mich wieder daran gewöhnt, Tore zu schießen. Für jeden Fußballer, der Schwierigkeiten hat, an Toren beteiligt zu sein – sei es durch ein Tor oder eine Vorlage –, gibt es Selbstvertrauen, wenn man diese Durststrecke durchbricht“, so Wirtz, der jedoch auf gute Leistungen in der ersten Saisonhälfte verweist: „Ich glaube, in der ersten Saisonhälfte hatte ich auch einige gute Spiele. Ich hatte einfach etwas Pech. Die Leute haben die Dinge schlimmer dargestellt, als sie tatsächlich waren.“
Wirtz absolvierte in dieser Spielzeit 48 Partien für Liverpool, 40 davon in der Startelf. Dabei gelangen ihm sieben Tore und zehn Vorlagen – Platz vier hinter Hugo Ekitiké, Dominik Szoboszlai und Mohamed Salah im internen LFC-Ranking. „Ich höre von vielen Spielern und Mitarbeitern, dass sich die Intensität der Liga verändert hat und es viel mehr Zweikämpfe gibt als früher. Es gibt auf dem Platz immer noch genug Zeit und Raum, um meinen Fußball zu spielen, aber natürlich ist es ein anderer Spielstil als in Deutschland. Ich muss einfach weitermachen, an mich glauben und dann wird alles gut“, erklärte Wirtz seine Startschwierigkeiten. „Früher bestand mein Spielstil meist darin, nicht allzu viel Körperkontakt zu suchen und mich in die freien Räume zu bewegen. Hier muss man jedes Mal, wenn man den Ball hat, körperlich präsent sein. Ich habe im Fitnessstudio trainiert, um etwas Muskelmasse aufzubauen, aber nicht zu viel.“ Nach seinem Wechsel musste Wirtz das erste Marktwert-Minus seiner Karriere hinnehmen. Es ging sukzessive von 140 Mio. auf 110 Mio. Euro bergab.
Wirtz stärkt Liverpool-Trainer Slot den Rücken
Im Zentrum der Kritik befindet sich Liverpools Trainer Arne Slot. Noch in der Vorsaison führte er die Reds zur 20. Meisterschaft, doch nach den Rekordausgaben liegt die Mannschaft deutlich hinter den Erwartungen. Medial wird bereits über seine Absetzung nach dem letzten Spiel am Sonntag diskutiert. Wirtz stärkte seinem Trainer jedoch den Rücken: „Die Außenwelt versucht ständig, eine Kluft zwischen der Mannschaft und dem Trainer zu schaffen. Aber hier im Verein ist das ganz anders. Wir arbeiten jeden Tag gut mit diesem Trainer und seinem Stab zusammen. Es kommt uns gar nicht in den Sinn, nicht hinter dem Trainer zu stehen. Das ist nur etwas, worüber draußen geredet wird.“
Große Hoffnungen legt Wirtz in der kommenden Saison in das Zusammenspiel mit Isak und Ekitiké – zusammen sind sie die drei teuersten Spieler in Liverpools Historie. Isak, für den 145 Mio. Euro gen Newcastle flossen, fehlte lange Zeit wegen eines Wadenbeinbruchs. Der 95 Mio. Euro teure Ekitiké, der gute Leistungen zeigte, zog sich im April einen Achillessehnenriss zu und wird länger ausfallen. Die drei standen nur 118 Minuten gemeinsam auf dem Platz. „Verletzungen haben definitiv eine große Rolle gespielt, vor allem, dass wir Alex so lange vermisst haben. Hoffentlich werden alle wieder fit und bleiben es auch in der nächsten Saison. Ich würde gerne öfter mit Alex und Hugo spielen“, so Wirtz.
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