Wie aus einem Guss zum Traum-Abschied: Bäker-Hattrick versüßt Nikolic‘ Trainer-Ära
Unmittelbar nach dem der Schlusspfiff an der Dieselstraße hatte er es noch nicht realisiert. „Ich wurde die letzten Wochen über immer mal wieder darauf angesprochen“, erwiderte Elvis Nikolic auf Nachfrage. „Aber ich bin noch zu sehr im Trainerfokus, da ich es bis zum Schluss vernünftig zu Ende bringen will“, steht der Cheftrainer des VfL Lohbrügge für volle Hingabe – und zwar bis zu eben jenem Moment, der eine echte Ära beendet hat. Nach 29 Jahren im „Trainer-Hamsterrad“ und insgesamt 16 Jahren beim VfL Lohbrügge fand Nikolic‘ Passion ein vorläufiges Ende. „Jetzt fliegen wir nach ‚Malle‘, dann mache ich nochmal allein Urlaub – und ich glaube, dann werde ich das auch realisieren.“
Es war nicht nur ein äußerst torreicher, sondern auch ein überaus emotionaler Abend an der Dieselstraße. Während der HSV Barmbek-Uhlenhorst vor Anpfiff sage und schreibe 14 (!) Spieler (alle Namen und Highlights im LIVE-Ticker) – darunter Kapitän Yannik Lux nach zehn Jahren im Club – verabschiedete, endeten beim VfL Lohbrügge zwei echte Ären. Etwas, was im Fußball heutzutage eine echte Rarität, ein absolutes Novum ist. Neben Nikolic lief auch Torjäger Pascal Bäker nach insgesamt zehn Jahren in den Farben der Lohbrügger zum letzten Mal für „seinen“ Verein auf.

Raffael Kamalow wurde als einer von insgesamt 14 Spielern vor Anpfiff von den BU-Offiziellen verabschiedet. Foto: Kormanjos
"Besser hätte ich mir das nicht vorstellen können"
„Ich habe mir natürlich ausgemalt, vielleicht noch mein 20. Saisontor zu schießen“, ging der 30-Jährige mit der Hoffnung, beim ruhmreichen Gegner noch einmal ins Schwarze zu treffen, in die Partie. „Dass dann aber wirklich jeder Ball reingeht, ist natürlich absolut traumhaft. Besser hätte ich mir das wirklich nicht vorstellen können!“ Mit einem traumhaften 17-Meter-Schlenzer – mit dem vermeintlich schwächeren linken Fuß – in den linken Giebel machte Bäker die 20-Tore-Marke voll (16.). Doch es sollte erst der Anfang gewesen sein. Vor der Pause veredelte er einen langen Ball von Joshua Czech aus nahezu unmöglichem Winkel (39.), ehe er kurz nach Wiederanpfiff einen Freistoß von Franklin Weber in die Maschen schädelte (49.). Ein Hattrick zum Abschied! „Ich habe ja schon relativ lange mit dem Gedanken gespielt. Deswegen konnte ich mich ein bisschen darauf vorbereiten, weil ich bereits seit Februar/März mit der Entscheidungsfindung abgeschlossen habe“, zwingen Bäker starke Knieprobleme zu einem vorzeitigen Ende.

Ein entspannter und erfreuter Elvis Nikolic während seines letzten Spiels als Lohbrügge-Trainer. Foto: Kormanjos
Porzellanfüße vernaschen Angsthasenfußball
„Mit seinen Porzellanfüßen“, wie Nikolic am Spielfeldrand scherzte, machte Tadiwanashe Garise mit der Hintermannschaft des HSV Barmbek-Uhlenhorst, was er wollte. „Das ist Angsthasenfußball!“, hallte es kurz vor der Pause lautstark aus Reihen der Barmbeker über den Platz (41.). Während die Anhänger kurz darauf anstimmten: „Auf geht‘s Barmbek, kämpfen und siegen!“ Zu leicht wurde es dem VfL Lohbrügge gemacht. Und auch, wenn Garise kaum zu bremsen war, stand das letzte Saisonspiel aus Sicht der Gäste ganz im Zeichen von Chefcoach Nikolic und Goalgetter Bäker. Letzterer bekam in der 65. Minute, als das Spiel beim Zwischenstand von 6:1 für die „Binner-Boys“ längst entschieden war, seinen verdienten Abgang. Die Mannschaft bildete ein Spalier, durch das der langjährige Goalgetter schritt.

Nach zehn Jahren im BU-Dress hängt Yannik Lux seine Stiefel an den Nagel. Foto: Kormanjos
"Dass das Spiel so gelaufen ist, tut schon weh"
Wie auch wenige Augenblicke zuvor Yannik Lux auf der anderen Seite. Der BU-Kapitän absolvierte ebenfalls sein letztes Spiel – nach ebenfalls zehn Jahren für den Traditionsverein. „Dass das Spiel so gelaufen ist, tut schon weh. Das muss ich ehrlicherweise sagen“, hätte er sich gerne mit einem Sieg verabschiedet. „Jetzt nach ein paar Minuten ist es sicherlich schon egaler als auf dem Feld. Aber man malt sich ja irgendwas aus. Auch nach den letzten Spielen, dass man vielleicht nochmal ein Tor schießt“, war dem 34-Jährigen kein Torerfolg vergönnt. „Auch wenn die letzten Minuten ein bisschen versöhnlich waren. Aber der Zwischenstand von 1:6 – das hätte nicht sein müssen“, gab „Luxer“ unumwunden zu.

Pascal Bäker wird in seinem letzten Spiel für den VfL Lohbrügge gebührend verabschiedet. Foto: Kormanjos
Lethargische Barmbeker nur in der Zuschauerrolle
Hinzu kam der Umstand, dass seine Barmbeker für eben jenes (Abschieds-)Szenario sowie das letzte Heimspiel der Saison zum Teil vogelwild agierten, unglaubliche Fehler produzierten, phasenweise nur zuschauten und Lohbrügge einfach machen und gewähren ließen. Youngster Garise tanzte Philipp Waschkau, dessen Arbeitstag nach 45 Minuten beendet war, mehrere Knoten in die Beine, und bestrafte einen kapitalen Bock des völlig überforderten BU-Keepers Kian Wiedemann zur Führung (14.). Inmitten Bäkers Dreierpack sorgte Nikolas Christodoulos nach tollem Zuspiel von Niclas Gröning für das 1:2 (19.), ehe Kerem Caliskan, nach Fehler von Routinier Raffael Kamalow und Garise-Pass, den alten Abstand wieder herstellte (30.).

Auch Verteidiger Joshua Czech bekam seinen verdienten Abgang. Foto: Kormanjos
"Nach dem 6:1 und vielen Wechseln war die Spannung raus"
BU agierte indiskutabel – und kam auch so aus der Kabine raus. Erst Bäkers Kopfball, dann Kamalows plumpes Foul gegen Garise – und so machte Czech per Strafstoß das halbe Dutzend voll (55.)! „Nach dem 6:1 und vielen Wechseln ist bei uns die Spannung rausgewesen“, nahm der VfL mehrere Füße vom Gaspedal. Und: „BU war natürlich motiviert, vor eigenen Fans nochmal etwas zu zeigen.“ Als der eingewechselte Alleinunterhalter Janis Korczanowski in den Schlussminuten per Kopf den Ehrentreffer erzielte (81.), witzelten die Fans: „Nur noch Vier!“ Nachdem Korczanowski keine 120 Sekunden später eine Einzelaktion zum 3:6 krönte (83.), forderte Chefcoach Michael Koss: „Gesicht wahren!“ Und als Makoto Ayano einen herrlichen Vortrag – natürlich nach Hereingabe von Korczanowski – zum 4:6 veredelte (90.), kam plötzlich wieder so etwas wie Spannung auf. Zumindest bis zum Schlusspfiff.

Noch immer voller Enthusiasmus: Elvis Nikolic mit seiner letzten emotionalen Ansprache im Mannschaftskreis. Foto: Kormanjos
"Wie aus einem Guss gespielt"
Im Mannschaftskreis richtete Nikolic seine letzten Worte an sein Team und wurde mit „Elvis“-Sprechchören gefeiert. Anschließend konstatierte er: „Ich glaube, wir haben wie aus einem Guss gespielt und hatten eine hohe Chancenverwertung. Das war sehr geil!“ Dass es hintenraus noch einmal enger wurde, sei „komplett nebensächlich, da das gute Spiel an sich ein geiler Saisonabschluss war. Fünf Siege am Stück – das hat richtig Spaß gemacht“, strahlte der scheidende Lohbrügge-Trainer, der nach einer Hinrunde, in der man Luft nach oben hatte, an seine Equipe glaubte – und dementsprechend stolz war, dass seine „Binner-Boys“ nach dem abschließenden Sieg vorerst die beste Rückrunden-Mannschaft der Landesliga Hansa sind.

Die aktuell beste Rückrunden-Mannschaft der Landesliga Hansa, der VfL Lohbrügge, feiert den abschließenden Auswärtssieg bei BU. Foto: Kormanjos
"Hätte es mir gar nicht schöner vorstellen können"
„Ich habe es der Mannschaft die ganze Zeit gesagt, und es ist einfach schön, wenn das dann auch eintrifft, weil es sonst als Trainer immer nur wie leere Phrasen wirkt: Aber ich war davon völlig überzeugt, dass die Mannschaft das kann! Im Leben ist es einfach so, dass du irgendwann mal schlechte Phasen hast, viele Dinge passieren, die du nicht einkalkulierst und auch nicht einkalkulieren kannst. Aber wichtig sind immer die Antworten auf die Fragen: Wie komme ich da raus? Und glaube ich noch an mein Potenzial? Das war einfach der Wahnsinn! So aufzuhören, ich hätte es mir gar nicht schöner vorstellen können. Was für eine Rückrunde!“
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