Warum Ünal den Berliner Weg verließ: „Für einen jungen Menschen ein verwirrendes Signal“
Am Montag hat Hertha BSC mit einem Rumpfkader und ohne Neuzugang die Saisonvorbereitung aufgenommen. 18 Feldspieler stehen für die kommende Spielzeit Stand jetzt im Profikader der Alten Dame. Völlig verwaist ist die linke Abwehrseite, nachdem sich Michal Karbownik (25) für einen Wechsel zu Europacup-Teilnehmer Basaksehir entschieden hat. Für deutlich mehr Diskussionen unter den Fans – auch in der TM-Community – sorgte jedoch der Abgang von Talent Yunus Ünal (18), der sich gegen einen Profivertrag bei Hertha entschied und bei Hannover 96 unterschrieb.
„Muss ich auch mal eine Lanze für die Verantwortlichen brechen. Denke schon, dass man ihm eine gute Perspektive aufgezeigt hat. Will er nicht, naja dann gibt’s eben Konsequenzen. Passiert nicht nur bei uns“, schrieb etwa „Kalla1892“ im Hertha-Forum. „KevJr2410“ sprang ihm bei: „Wenn man auf einen Jugendspieler zugeht, diesen in die U23 zieht, dazu ins Profitraining und in Testspiele einbaut und dieser kein Interesse an der Verlängerung hat – wieso dann weiter Zeit investieren? Wer nicht will, kann gehen.“ Stimmen, die die Kritik hinterfragten, wurden teils rigoros abgebügelt.
„Letztlich reden wir hier von einem Spieler, der relativ unverhofft eine überragende Phase in der Jugend hatte, daraufhin direkt hohe Ansprüche gestellt und das Tischtuch relativ einseitig zerschnitten hat, um auf sich selbst zu wetten“, beschrieb es TM-User „bschuss“. Der Abschied sei „eigentlich geradezu verrückt“, meinte „zizouBSC“ mit Blick auf die personelle Lage auf der linken Abwehrseite. „Er müsste sich nur für den Verein committen“, erklärte „Moppy“, während „1892Blau-Weiss“ hinzufügte, dass das Handeln richtig und nachvollziehbar sei, „dass Hertha dann sagt: Okay, der Nächste bitte, der unser Vertrauen zu schätzen weiß.“ Doch gab es dieses Vertrauen wirklich?
Familie stellt klar: Ünal hat sich zu Hertha BSC bekannt
Familie Ünal hat es jedenfalls nicht gespürt. „Wir verstehen diese Fans gut und wir mögen diese Haltung sogar“, entgegnet sie im Gespräch mit Transfermarkt auf die enttäuschten Aussagen der Hertha-Anhänger. „Yunus hat sich zum Berliner Weg bekannt, lange bevor irgendjemand danach gefragt hat. Wir wollten unbedingt bleiben, das war nie eine Verhandlungstaktik. Ein Weg ist aber keine Einbahnstraße. Ein Bekenntnis von einem jungen Spieler zu verlangen und ihm gleichzeitig sportlich nicht die Hand zu reichen, funktioniert auf Dauer nicht. Loyalität entsteht da, wo sie erwidert wird. Wir hätten sie gern erwidert bekommen.“
Für den gebürtigen Berliner sei das Profidebüt im Hertha-Trikot das große Ziel gewesen. Vier Jahre arbeitete Ünal darauf hin und sah auf dem Papier die große Chance, die sich in diesem Sommer auf der linken Seite ergab. „Ehrlich gesagt, war genau das immer unser Wunsch. Yunus ist Berliner, Hertha war sein Verein. Nichts wäre uns lieber gewesen, als dass er hier durchstartet. Eine Lücke im Kader ist aber nur dann eine Chance, wenn ein Verein einem jungen Spieler auch zeigt, dass er sie mit ihm schließen will. Diese Botschaft hat uns nie erreicht. Eine offene Position füllt sich nicht von allein mit Vertrauen. Dass Hertha heute auf dieser Position sucht, ändert nichts daran, dass damals niemand das Gespräch mit Yunus geführt hat, das einen solchen Weg überhaupt erst trägt“, erklärt die Familie.
Dabei schien für Ünal, der in der abgelaufenen Saison vermehrt von links hinten nach vorne rückte und seine Torgefahr unter Beweis stellte, der Sprung zu den Profis zwischenzeitlich nur Formsache zu sein. Nach drei Treffern für die U19 in den ersten vier Spielen wurde er in die Reserve hochgezogen, wo er in seinen ersten drei Regionalliga-Einsätzen ebenfalls einnetzte. So wurde Ünal im September von Trainer Stefan Leitl mit einem Testspiel bei den Profis belohnt. Auch gegen Hertha Zehlendorf (6:2) traf Ünal und erntete nach dem Spiel nicht nur lobende Worte von Leitl, sondern auch die Aussicht, schon bald in der 2. Bundesliga auflaufen zu dürfen – dazu kam es allerdings nicht.
Wir hatten das Gefühl, dass von Yunus zuerst eine Unterschrift erwartet wurde und Wertschätzung erst danach folgen sollte.
Zwar durfte Ünal im Oktober noch einmal in einem Testspiel gegen den VfL Wolfsburg (2:0) ran, doch erste Verhandlungen über einen Profivertrag blieben erfolglos – die „Bild“-Zeitung sprach damals von einem Mini-Angebot. „Es waren nicht die Zahlen allein, auch wenn uns das erste Angebot überrascht hat“, sagt die Familie. „Entscheidend war, dass wir aus dem Angebot keine Perspektive ablesen konnten. Ein Vertrag ist immer auch eine Aussage darüber, wie ein Verein einen Spieler einschätzt und mit ihm plant. Diese Aussage hat gefehlt. Wir hatten das Gefühl, dass von Yunus zuerst eine Unterschrift erwartet wurde und Wertschätzung erst danach folgen sollte. Bei einem 16- oder 17-Jährigen, der seine sportliche Zukunft entscheidet, ist das die falsche Reihenfolge.“
Aussortierung bei Hertha BSC „verwirrendes Signal“ für Ünal
Nach der Entscheidung, das erste Angebot abzulehnen, blieben Profitraining und U23-Einsätze für Ünal fortan aus. Dass Hertha in solchen Fällen kompromisslos durchgreift, musste in der Rückrunde auch Pascal Klemens (21) erfahren, der aufgrund der offenen Entscheidung über seinen auslaufenden Vertrag auf die Tribüne verbannt wurde. Der Innenverteidiger verlängerte schließlich und durfte postwendend wieder mitwirken. Ünal musste sich mit der U19 begnügen, wo seine Leistungsexplosion aufgrund der verzwickten Situation ohne Perspektive wenig überraschend ausgebremst wurde. Waren es bis zum Jahreswechsel noch sieben Treffer und drei Vorlagen in elf Partien der U19-Nachwuchsliga, blieb es danach bei zwei Toren in acht Einsätzen.
„Sportlich zurückgestuft zu werden, kann ein junger Spieler einordnen. Das ist Teil des Geschäfts, daran wächst man. Schwerer wiegt, wenn die Leistung gar nicht der Maßstab ist. Yunus hatte in seiner Altersklasse herausragende Zahlen – europaweit. Während der Gespräche wurde er trotzdem aus dem sportlichen Geschehen herausgenommen“, erklärt die Familie. „Für einen jungen Menschen ist das ein verwirrendes Signal, weil er spürt, dass etwas abseits des Platzes über ihn entscheiden wird, was er auf dem Platz nicht beeinflussen kann. So etwas verunsichert mehr als jede sportliche Kritik, mit der man arbeiten kann. Die Konsequenz ist, man fühlt sich fallengelassen und verliert das Vertrauen in den Verein.“
Dabei betonen Herthas Verantwortliche immer wieder, mit dem Berliner Weg vernünftige und nachhaltige Strukturen aufbauen zu wollen – vor allem durch die Förderung von Talenten. „Wir haben angekündigt, dass wir den Berliner Weg nicht nur auf der Tonspur verkünden, sondern auch auf dem Platz zeigen. Für Spieler, die sich in der Akademie bewährt haben, ergeben sich nun Möglichkeiten, den nächsten Schritt zu gehen“, erklärte Geschäftsführer Peter Görlich in einer Medienrunde beim Trainingsauftakt. Dabei ist aus dem Nachwuchs neben Innenverteidiger Jerome Diallo (17), Flügelspieler Jelani Ndi (18) und Stürmer Niklas Hildebrandt (17) mit Mayson Grothe (17) auch ein Linksverteidiger, dessen Vertrag in einem Jahr aber ebenfalls ausläuft.
Statt Berliner Weg: Warum Ünal zu Hannover 96 ging
„Wir wollen den Berliner Weg ernst nehmen und die Jungs fördern, da trifft man dann vielleicht auch mutigere Entscheidungen. Die Jungs, die hier jetzt dabei sind, denen trauen wir zu, sich ihre Sporen in der 2. Bundesliga zu verdienen und nachhaltig Abdrücke zu hinterlassen. Deswegen haben wir auch bewusst gesagt, dass es für sie vier feste Kaderplätze gibt. Das ist eine Situation, an der man wachsen kann. Die Jungs müssen sich aber auch beweisen. Das ist ein harter Weg, dabei versuchen wir, mit ganz vielen individuellen Ansätzen zu unterstützen. Und wir erleben, dass da etwas zusammenwächst“, zeigte sich Görlich optimistisch. Aussagen, die Ünal persönlich nie erreichten. In Hannover und bei anderen interessierten Klubs sah das anders aus.
Der Unterschied war einfach und menschlich.
„Der Unterschied war einfach und menschlich. Bei den anderen Vereinen, sowohl in Deutschland als auch im Ausland, haben sich die Cheftrainer persönlich Zeit für Yunus genommen – teils über eine Stunde – und ihm erklärt, wie sie ihn sehen und entwickeln wollen. Genau dieses Gespräch hat bei Hertha nie stattgefunden. Am Ende hat nicht das höchste Angebot entschieden, sondern das Gefühl, gewollt und gesehen zu werden. Hannover hat ihm dieses Gefühl gegeben. Das war der Ausschlag“, erklärt die Familie. Vor einer Woche nahm Ünal – ohne Abschiedsworte aus Berlin – in Hannover die Vorbereitung auf seine erste Profisaison auf. Als linker Schienenspieler passt er bestens ins 3-4-3-System von 96-Trainer Christian Titz und kann sowohl den defensiveren Part als auch die offensivere Position bekleiden. Im ersten Testspiel am Mittwoch gegen Landesliga-Aufsteiger TSV Pattensen (6:1) bereitete er zwei Treffer vor.
Unabhängig von seiner Personalie ist offensichtlich, dass Hertha auf dem Transfermarkt nachlegen muss. „Offene Positionen sind klar: Auf der Linksverteidigerposition herrscht ein Vakuum. Deyovaisio Zeefuik ist leider noch verletzt und wird erst im Laufe der Vorbereitung dazustoßen. Wir brauchen in der Offensive nach den Abgängen von Fabian Reese und Michaël Cuisance ebenfalls Verstärkungen. Dabei arbeiten wir in aller Ruhe die Prozesse ab und schauen dann, wen wir verpflichten können. Die Gespräche darüber sind sehr offen und sehr klar – im Übrigen schon seit Beginn der Arbeit von Peter Görlich. Nun liegt es an uns, passende Spieler zu suchen und zu finden – die uns qualitativ und quantitativ verbessern. Bis Ende August, bis zum Ende der Transferphase, ist es noch eine lange Zeit. Welcher Spieler passt tatsächlich, wer möchte unseren Weg mitgehen? Da wartet noch ein wenig Arbeit auf uns, aber wir sind sehr optimistisch, in den kommenden Wochen passende Spieler vorstellen zu können“, gab Trainer Leitl Einblicke.
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Letzte Beiträge Newsforum
Großer Reibach in Hannover? Ernsthaft?
Und Titz > Leitl sollten doch selbst die meisten Herthaner so sehen.
Klingt eher nach einem sinnvollen Schritt, der das Primat auf die Weiterentwicklung des Jungen auf seinem Weg in den Herrenprofifussball legt. Das wird schon schwierig genug.
Da hätte er eher bei Hertha den großen Reibach machen können, wenn es Ihm darum gegangen wäre.
Nein, ganz sicher nicht.
Das sagst du mit deiner Fanbrille !
Doch der Finanzchef von Hertha = Ralf Huschen lässt sich folgendermaßen zitieren : Wir werden rein umsatztechnisch immer im vorderen Drittel aller Klubs der 2. Liga sein", "Wir werden immer ein Budget haben, das sehr ambitioniert ist und uns natürlich auch ermöglicht, unter die Top 3 zu kommen.“
Ergo nichts mit die Hertha ist so arm ! Man muss runterfahren, weil man komplett über seinen Verhältnissen gelebt hat, doch die Kohle reicht immer noch aus für Tabellenplatz 1-3.
Deswegen glaube ich der Familie Ünal, es macht schon Eindruck wenn sich ein Trainer wie Tietz 1 Stunde Zeit nimmt, um sich persönlich mit ihm und seiner Familie zu unterhalten.
Bekommst du mit, was bei Hertha die letzen Wochen läuft? Alles raus - radikale Kürzungen in allen Bereichen. Selbst der Akademie werden die Mittel gekürzt. Hertha hat 20 Mio eingenommen und trotzdem kein Geld für Neuverpflichtungen. Was für Kohle, wovon sprichst du? Wir sind massiv verschuldet. Reese, Cuisance etc. mussten gehen, weil sie einfach zu teuer im Unterhalt für uns mittlerweile waren. Hertha hat massiv über seine Verhältnisse gelebt und muss jetzt radikal umsteuern. Sonst droht die Insolvenz. Es werden keine neuen dicken Verträge mehr vergeben, da man sowieso noch auf Altlasten sitzt. Von daher nein - es werden keine dicken Verträge mehr von Hertha vergeben erst recht nicht an Jugendspielern die sich erst mal beweisen müssen. Taten sprechen mehr als Worte und was Huschen da sagte vor über einem Jahr bezog sich auf die letzte Saison. Der Umsatz ist auch irrelevant, wenn die Kosten den auffressen. Der Wunsch ist von den Kosten runterzukommen. Sonst muss man jedes Jahr hoffen einen Eichhorn oder Maza zu entwickeln, dessen Verkauf dann die Kaderkosten ausgleicht und einem die Lizenz sichert.
- Geb./Alter:
- 12.05.2008 (18)
-
Nat.:
- Akt. Verein:
- Hannover 96
- Vertrag bis:
- 30.06.2030
- Position:
- Linksaußen
- Marktwert:
- 200 Tsd. €
- Gesamtmarktwert:
- 20,73 Mio. €
- Wettbewerb:
- 2. Bundesliga
- Tabellenstand:
- 2.
- Trainer:
- Stefan Leitl
- Kadergröße:
- 26
- Letzter Transfer:
- Oluwaseun Adewumi
- Gesamtmarktwert:
- 33,05 Mio. €
- Wettbewerb:
- 2. Bundesliga
- Tabellenstand:
- 17.
- Trainer:
- Christian Titz
- Kadergröße:
- 29
- Letzter Transfer:
- Marcel Hartel








