TM-Interview
Spielerberaterin Wolters über Werdegang, Vorurteile und FIFA-Prüfung: „Das höre ich oft“
©Nadine Wolters
Frankfurt am Main im April 2023: 145 Personen stellen sich den Fragen der durch die FIFA wieder eingeführten Spielerberater-Prüfung. Zu den erfolgreichen Prüflingen zählt auch Nadine Wolters – ein bis dahin eher unbekanntes Gesicht in der Branche. 48 Prozent schaffen es hingegen nicht. Mittlerweile hat sich die gebürtige Wolfsburgerin etabliert und unter anderem an den Wechseln eines Osnabrücker Aufstiegshelden mitgewirkt. Im Transfermarkt-Interview spricht die 29-Jährige über ihren Weg zur Spielerberaterin, Vorurteile und die Arbeit für ihre Agentur.
Transfermarkt: Frau Wolters, Sie behaupten sich in einer nach wie vor von Männern dominierten Branche. Welchen Vorurteilen oder Klischees begegnen Sie in Ihrer täglichen Arbeit?
Nadine Wolters: Dass ich mich als Frau von Vorurteilen betroffen gefühlt habe, kann ich gar nicht sagen. Ich habe bisher nie das Gefühl gehabt, einen Nachteil zu haben – dass beispielsweise jemand weniger auf mich eingeht oder ich nicht die gleiche Antwort bekomme wie ein Mann.
Transfermarkt: Beraterin, Vermittlerin, Agentin – wie bezeichnen Sie sich am liebsten?
Wolters: Als Spielerberaterin.
Transfermarkt: Unabhängig vom Begriff: Wenige Jobs sind im Profifußball so umstritten. Wie empfinden Sie den Ruf der Branche?
Wolters: Ich habe nicht das Gefühl, dass die Vereine voreingenommen sind. Es kommt – wie in jedem anderen Job – darauf an, wie man selbst auftritt, was man vertritt, wie professionell man arbeitet. Aber: Im privaten Bereich begegnen mir die bekannten Vorurteile schon eher. Tatsächlich begegnen mir die Leute dort kritischer als bei meiner Arbeit.
Wolters von BWL über den öffentlichen Dienst zur Spielerberaterin
Transfermarkt: Wann stand für Sie fest, dass Sie als Spielerberaterin arbeiten wollen?
Wolters: Das hat sich schnell entwickelt. Ich habe in unserer Agentur im Bereich Player Service angefangen und mich um Anliegen der Spieler gekümmert. Also um administrative Dinge, Versicherungen, Steuern – alle möglichen Aspekte, bei denen die Spieler Unterstützung brauchen. Durch den Austausch mit meinen Kollegen bekommt man viel mit. Ich war von Anfang an interessiert daran, habe mich eingebracht und auch den Freiraum und das Vertrauen bekommen. Dann ging alles ganz schnell – und ich war mittendrin.
Transfermarkt: Wie ist Ihr beruflicher Werdegang?
Wolters: Nach dem Abitur habe ich dual BWL-Wirtschaftsförderung studiert, seitdem bin ich im öffentlichen Dienst für ein Tochterunternehmen der Stadt Wolfsburg tätig. Ich betreue Unternehmen, mache Netzwerkarbeit, kümmere mich um Angelegenheiten der Firmen und vertrete ihre Interessen. Vor drei Jahren bin ich über den Player Service dann zum Fußball gekommen.
Ihm ist keine eingefallen. Das höre ich oft.
Transfermarkt: Haben Sie Kontakte zu anderen Beraterinnen?
Wolters: Ich habe Lena Goeßling kennengelernt, die Spielerberaterin für Frauen ist. Im Männerfußball bin ich tatsächlich noch keiner anderen Spielerberaterin begegnet. Ich hatte erst gestern ein Gespräch mit dem Sportdirektor eines deutschen Profivereins. Er hat mir berichtet, dass er vor dem Termin darüber nachgedacht hat, bei welchem Vertrag mal eine Beraterin involviert war: Ihm ist keine eingefallen. Das höre ich oft.
Ex-DFB-Spielerin Lena Goeßling ist seit 2021 als Beraterin für Sports360 tätig.
Transfermarkt: Welche Klienten vertreten Sie und an welchen Transfers waren Sie beteiligt?
Wolters: Ich arbeite für Trois Sportmanagement, der Hauptsitz ist in Aachen. Trois hat quasi zwei Säulen: Training und Management. Wir begleiten und entwickeln die Spieler wie beispielsweise Clinton Mata, den wir schon früh trainiert haben. Mittlerweile haben wir in Wolfsburg auch eine Fußballschule gegründet. Wir haben aber keine klare Zuordnung und sagen nicht: Das ist mein Spieler, das ist dein Spieler. Wir kümmern uns um alle Akteure, die bei Transfermarkt bei uns gelistet sind. Am aktivsten war ich an den vergangenen Wechseln von Ba-Muaka Simakala beteiligt. Er ist 2023 mit dem VfL Osnabrück in die 2. Liga aufgestiegen und war dort eine Art Aufstiegsheld. Dann ist er zu Holstein Kiel gewechselt.
Transfermarkt: Vertreten Sie auch Spielerinnen?
Wolters: Leider nicht. Bisher habe ich in diesem Bereich noch kein Netzwerk. Im Männerfußball habe ich dagegen ein gutes Netzwerk, das ich ausbaue und pflege. Ich arbeite aber gern mit Frauen und würde mich freuen, als Beraterin mit Frauen zu tun zu haben.
Transfermarkt: Silke Sinning, die Präsidentin des Hessischen Fußball-Verbands und DFB-Vizepräsidentin, Ingolstadt-Trainerin Sabrina Wittmann oder DFB-Pressesprecherin Franziska Wülle sind Beispiele für Frauen in Top-Positionen. Gibt es so etwas wie ein Frauen-Netzwerk im Fußball?
Wolters: Ich hoffe, dass es eins gibt – und ich es einfach noch nicht kenne. Ich wäre dort sehr gern engagiert und würde mich mit Frauen aus der Branche noch mehr austauschen. Ich schätze Frauen-Netzwerke sehr und kenne sie in meinem anderen beruflichen Kontext. Im Sport bin ich noch nicht in einem solchen Netzwerk – was aber nicht heißen muss, dass es das nicht gibt.
Transfermarkt: Zu Ihrem Arbeitsalltag: Wie sieht eine „normale“ Woche im Leben einer Spielerberaterin aus?
Wolters: Meine Woche besteht zum einen aus meinem Hauptberuf. Je nachdem, was gerade ansteht, arbeite ich dann abends oder am Wochenende als Spielerberaterin. Fast jedes Wochenende bin ich im Stadion. Ich versuche meistens, ein Spiel eines unserer Klienten zu sehen oder zu einem Spiel in der Umgebung zu fahren. Wenn es passt, bin ich sonntags dann in unserer Fußballschule und schaue den Kindern beim Training zu. Ich bin gern unterwegs und spontan.
Transfermarkt: Sie leben in Ihrer Heimatstadt Wolfsburg. Gibt es eine besondere Verbindung zum VfL?
Wolters: Ich habe auf jeden Fall eine besondere Verbindung zur Stadt. Ich fühle mich hier wohl und lebe hier wirklich gern. Meine Eltern hatten früher eine Dauerkarte, ich war als Kind schon mit im Stadion. Ich habe selbst nie eine Dauerkarte gehabt, aber ich freue mich, wenn der VfL Siege feiert.
Transfermarkt: Was macht eine gute Spielerberaterin bzw. einen guten Spielerberater aus?
Wolters: Ich gehe so an den Job heran, wie ich auch in meinem anderen Beruf arbeite. Mir ist es wichtig, professionell zu sein. Was man Spielerberatern immer nachsagt – vieles laufe hintenrum, es gehe nur ums Geld –, nehme ich nicht so wahr. Mir ist es wichtig, dass es um die Interessen des Spielers geht. Ich nehme es als Job wahr, der vernünftig und professionell zu erledigen ist.
Transfermarkt: Seit langem gibt es Diskussionen um die Frage, wie stark der Markt für Berater reglementiert sein soll. Wie ist Ihr Standpunkt?
Wolters: Grundsätzlich kann es nicht schaden, sich in seinem Job zu hinterfragen und zu testen, sich stetig weiter zu schulen. Das erfordert die Lizenz: Sich mit dem Regelwerk vertraut zu machen. Damit habe ich kein Problem. Das ist sinnvoll – und das gibt es in vielen Jobs. Ich bin mit der Lizenz beispielsweise erst richtig eingestiegen.
Spielerberaterin Wolters hält FIFA-Prüfung für sinnvoll
Transfermarkt: Im Jahr 2023 haben Sie die Prüfung zur Spielerberaterin in Frankfurt erfolgreich absolviert. Wie anspruchsvoll waren die Fragen?
Wolters: Die Prüfung war machbar, wenn man sich mit dem Thema, mit dem Regelwerk auseinandergesetzt hat – was man ohnehin machen sollte. Es war ein Multiple-Choice-Test. Aber man kann sich nicht unvorbereitet hinsetzen und die Lösungen auf gut Glück aus dem Ärmel schütteln.
FIFA Football Agent Licence
DFB-Infos zur Spielerberater-Prüfung
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Transfermarkt: Hilft die Prüfung, den Ruf der Branche zu verbessern?
Wolters: Ja. Ich habe schon das Gefühl, dass es einen Unterschied macht, wenn ich sage: Ich habe eine Lizenz. Ich kann es jedem empfehlen, sie zu machen.
Transfermarkt: Zu Ihren beruflichen Zielen: Wollen Sie eines Tages Ihre eigene Agentur führen?
Wolters: Ich möchte weiterhin ein festes Standbein im Fußball haben. Ob ich eine Agentur leiten möchte, weiß ich nicht. In unserer Agentur fühle ich mich sehr wohl, weil wir alle auf Augenhöhe miteinander arbeiten. So wünsche ich es mir auch in Zukunft – egal welche Rolle ich einnehme.
Transfermarkt: Wenn Sie sich eine Spielerin oder einen Spieler als Klientin bzw. Klient aussuchen könnten, wäre das …
Wolters: (lacht) Auf diese Frage habe ich mich nicht vorbereitet. Spontan fallen mir natürlich Spieler wie Jamal Musiala ein. Jeder Berater würde ihn gern betreuen. Aber ganz unabhängig von der sportlichen Qualität eines Spielers: Es ist sehr schön, wenn es auf der menschlichen Ebene passt, wenn man sich vertraut und man als Beraterin Menschen begleitet.
Interview von Steffen Schneider
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