Schiedsrichterforum

Profischiedsrichter?

27.02.2008 - 23:27 Uhr
Der Anlass für den Thread sind die Heutigen Pokalpartien, die leider mal wieder durch extreme Sehschwierigkeiten der Schiedrichter beinflusst bzw. entschieden wurden.

Was meint ihr sollte es nicht endlich Profischiedsrichter geben?

Ich meine solche Leute die sich dann wirklich nurnoch mit dem Schiedsrichtern beschäftigen(also auch täügliches Training Schulungen, aber auch sperren nach Katastrophenspielen wie Heute usw.)

Also was meint ihr?
Dieser Beitrag wurde zuletzt von Tobster am 19.08.2026 um 16:19 Uhr bearbeitet
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Profischiedsrichter? |#1
16.07.2012 - 22:13 Uhr
Ich habe mir mal ein paar Gedanken zu dem Thema gemacht und finde eigentlich kaum Vorteile, die für das Profischiedsrichtertum sprechen. Das Einzige, was mir gekommen ist, wäre, dass sich die Schiedsrichter dann mehr auf ihr Schiedsrichtertum konzentrieren können, also mehr Zeit auf Fitness und Spielnachbetrachtung verwenden können. Allerdings haben die Bundesliga-Schiedsrichter von heute schon die Fitness von Marathonläufern und mehr - sie haben sogar individuelle Trainingspläne von der FIFA bzw. dem DFB, deren Einhaltung streng überwacht wird. Auch eine Nachbetrachtung der Spiele findet auch so schon ziemlich stark statt. In der DFB-Schiedsrichter-Zeitung gab es vor ein paar Monaten mal ein Interview mit einem FIFA-Assistenten (ich glaube Salver oder Pickel war es - der Co-Interviewpartner war, soweit ich mich erinnere, Carsten Kadach), in dem er sagt, dass seine Frau alle seine Spiele aufzeichnet und er die Spiele zum Teil mehrfach wiederholt anschaut. Wenn das bei Assistenten der Fall ist, dann kann man getrost davon ausgehen, dass es bei den meisten Schiedsrichtern auch so der Fall ist. Zudem wird das Coaching mit dem Beobachter nach dem Spiel mithilfe von Videoszenen gemacht und das Gespann bekommt DVDs mit den Szenen mit nach Hause, wo man es sich auch mehrfach nochmal anschaut. Eine ausreichende Nachbetrachtung diesbezüglich ist also ziemlich sicher gestellt.
Es gibt aber einige, in meinen Augen entscheidende Nachteile beim Profischiedsrichtertum. Zunächst stellt sich die Frage: Was soll ein Schiedsrichter davor und danach machen? Eine Karriere in der Bundesliga als Schiedsrichter dauert erfahrungsgemäß etwas länger als 10 Jahre, zwischen 35 und 45. Vorher und nachher muss der Schiedsrichter aber auch irgendwie seinen Lebensunterhalt bestreiten. Also braucht er einen Job. Und so einen Job kann man nicht mal eben 10-15 Jahre lang aufgeben, zudem ist es dann mit 45 verdammt schwierig noch einen Job zu bekommen. Was das angeht, hat der DFB einen gewissen Schutzauftrag für seine Schiedsrichter, wenn sich schon sonst keiner um sie kümmert.
Dieses Alter, etwas über 30, ist auch das ideale Einstiegsalter in der Bundesliga. Bist Du jünger, fehlt Dir zum einen die Lebenserfahrung und Persönlichkeit, die Du für Dein Durchsetzungsvermögen dringendst brauchst und zum anderen haben die Spieler weniger Respekt vor Dir. Das erleichtert die Spielleitung auch nicht gerade. Bist Du hingegen älter, hast Du Probleme mit der Fitness und Geschwindigkeit (man sieht zur Zeit gut bei Thorsten Kinhöfer, dass er in letzter Zeit eine sehr schöne Wampe entwickelt hat ;)). Folglich ist der Rahmen aber auch so eng besetzt, dass man verhältnisweise wenige Zweitligaspiele pfeifen kann (die von Dir angesetzten 50 würden übrigens ca 7-8 Jahre dauern). Das ist aber ein Kompromiss, um den man wohl nicht herum kommt.
Was aber vor allem in meinen Augen gegen Profischiedsrichter spricht, ist, dass Dir ein zweites Standbein v.a. zum Durchatmen und Abschalten fehlt. Wenn man keinen Beruf hat, dann muss man sich ja daheim vor Computer/Fernseher etc. setzen - eine der Pflichten eines Profischiedsrichters - wo man immer wieder seine eigenen Fehler des letzten Wochenendes in allen Facetten von jedem noch so blödem Dödel aufgezeigt bekommt und das garniert mit ein paar schönen Beleidigungen. Das macht die Psyche vielleicht drei Jahre mit, dann ist Ende Gelände. Hat man hingegen einen festen Job, dann sind die Gedanken zeitweise woanders, was die Psyche auch entspannt. Nicht zu unterschätzen ist hier auch der tägliche Plausch mit Arbeitskollegen. Ich kann hier aus eigener Erfahrung sagen, wie erleichternd es ist, mit einem Bekannten über ein Spiel zu reden und dieser Bekannte sogar auf Deiner Seite ist. Gerade dieser pysichische Faktor ist nicht zu unterschätzen.

Außerdem verstehe ich nicht, inwiefern das Profischiedsrichtertum die Leistung auf dem Platz verbessern soll. Meistens scheitert es ja an der Wahrnehmung, weil ein Schiedsrichter mal unglücklich steht oder sich gerade auf ein anderes Geschehen konzentriert (es gibt ja auch Zweikämpfe abseits des Balles, die müssen auch beachtet werden). Gerade bei der letzten WM hat man ja gesehen, dass Profischiedsrichter auch nicht unbedingt das Gelbe vom Ei sind. Zwei der wohl schlimmsten Leistungen waren die im Finale von Howard Webb und von Stephane Lannoy bei Brasilien-Elfenbeinküste (Hand Gottes, Rote Karte nicht gegeben) - beide sind Profischiedsrichter. Während die mMn besten Schiedsrichter der WM 2010 - Stark, Nishimura und Irmatov - Amateurschiedsrichter sind. Ein direkter Zusammenhang zwischen Leistung und Profidasein ist also zumindest sehr fraglich.

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Geschäft der Heuchelei Fußball:
03.12.2012: Die ganze Fußballwelt reagiert geschockt auf einen getöteten Linienrichter und ist der Meinung, dass ein Umdenken einsetzen muss.
08.12.2012: 80.000 Dortmunder und 50.000 Frankfurter singen: "Hängt sie auf, die schwarze/gelbe Sau!"

No Schorle - No Party

Ceterum censeo bellum esse finiendum juste ☮️
("Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der Krieg gerecht beendet werden muss")

WT-Username: Hagi01
Profischiedsrichter? |#2
28.08.2013 - 13:56 Uhr
Ich führe es dann mal weiter... :)

@vfb-supporter:

Zitat
bist Du selbst Schiri?


Jap, seit nunmehr knapp 10 Jahren. Habe davon auch ein paar Jahre auf Verbandsebene gepfiffen, daher habe ich auch einen Einblick bekommen dürfen, wie so Lehrgänge, Beobachtungen etc. ablaufen und auch den ein oder anderen "Profi" kennengelernt.

Ohne meine Schiedsrichtertätigkeit wüsste ich diese Dinge mit ziemlicher Sicherheit auch nicht.

Zitat
Aufklärungsarbeit über den Umfang der Tätigkeit des Schiedsrichters um eine bessere Wertschätzung für deren Arbeit zu erreichen. Wichtig hierbei: kein weinerliches gemotze à la "wir machen sooo viel und ihr seid trotzdem immer so böse zu uns", sondern echte Imagearbeit!


Wird immer mal wieder versucht, interessiert bloss salopp gesagt keine Sau^^.

So gab es zum Beispiel ein vom DFB initiiertes "Schiri-Mobil" das bei diversen Veranstaltungen und Fussballspielen vor Ort war um für Aufklärung zu sorgen. Es wurde ein Kinofilm gedreht, der das Leben von jungen Talenten, alten Hasen und einem Profi beleuchtet hat und wirklich gute Einblicke in den typischen Tagesablauf 3er Schiedsrichter gegeben hat (http://www.spielverderber-der-film.de/).

Das Problem ist halt nur die Reichweite der Aufklärung. Geh mal zum örtlichen Cineplex und frag mal ob die bereit wären, nen neuen Blockbuster Samstag abends abzusetzen um ne Schiri-Doku zu zeigen...

Das "Problem" ist einfach, dass die Schiedsrichterei eine Randerscheinung des Fussballs ist. Entweder man stolpert irgendwann zufällig drüber und fängt an sich zu interessieren (so wie du gerade) oder eben nicht. Das ist grundsätzlich auch nichts schlechtes, da es ja primär um den Fussball geht und der Schiedsrichter es tunlichst vermeiden sollte in den Mittelpunkt des Geschehens zu geraten.

Ist halt immer so ein 2schneidiges Schwert. Aggressives Marketing und Imagekampangen führen am Ende auch dazu das der Leistungsdruck weiter steigt und der Druck ist gelinde gesagt jetzt schon brutal hoch.

Einfaches Beispiel dafür: Spieler A foult Spieler B. Schiri übersieht das Foulspiel. Wer wird angemault? Der Schiri, weil er es nicht gesehen hat. Das Spieler A die Regelwidrigkeit begangen hat, geht dabei beinahe unter... Eigentlich absurd oder?

Anderes Beispiel: Nach dem Spiel, regt sich der Coach unheimlich über die Fehlentscheidungen des Schiedsrichters auf. In der PK redet er von "Sauerei", das Spiel wurde "ab ad surdum" geführt, es könne ja nicht sein das "so einer in der Buli pfeift" usw.

Stell dir vor der Schiedsrichter würde nach dem Spiel auf der PK auftauchen und folgendes über den Trainer oder den Spieler sagen:
"Was sich der Jones, da wieder geleistet hat, geht ja gar nicht. Wie darf ein Spieler der immer wieder mit derart rüden Attacken auffällt überhaupt noch auf den Platz? Das hat doch mit Fussball nichts zu tun. Offenbar scheinen ja bisher diverse Trainer erfolglos gewesen zu sein ihn zu erziehen."

Gleiche Schiene, ABER es wäre ein Skandal! Das ist das Problem...

Es ist Aufgabe des Schiedsrichters seinen Job "in der Stille" auszuführen. Deshalb passt ein aggressives Marketing nicht dazu. Mehr wie Aufklärung für Interessierte bleibt letztendlich nicht übrig. Das ist einfach dem Schiedsrichterwesen an sich geschuldet.

Zitat
Größere Transparenz und Konsequenz bei Entscheidungen des DFB-Kontrollausschusses/Sportgerichts.


Das ist in der Tat ein Weg, den ich ebenfalls befürworten würde.

Es werden Tabellen und Ergebnisse der Spiele veröffentlicht. Warum nicht auch die Beobachtungsergebnisse der Elite-Schiedsrichter? Muss ja keiner im Detail veröffentlichen, das Schiri A den und den Fehler gemacht hat. Aber die bloße "offizielle" Punktzahl? Was spricht dagegen?

Warum nehmen die Schiris nicht an den offiziellen Pk´s nach dem Spiel teil?

Die internen Testergebnisse bei den Leistungsüberprüfungen. Dafür mal nen Abschnitt im Sportteil der Bild. Fänd ich wunderbar.

Die Öffentlichkeit nimmt dadurch zwar zu, aber solange es nur um pure Information und in Kenntnissetzung geht, sehe ich da kein Problem. Der DFB muss ja noch nicht mal die Notenvergabe bei den Schiris kommentieren. Nur preisgeben welchen Eindruck man von seinen Leistungsträgern hat.

und nun zum letzten Punkt auf den ich eingehen möchte:

Zitat
Woran liegt es aber dann, dass Schiedsrichter dennoch oftmals so zum Feindbild stilisiert werden? Warum provoziert die Art und Weise, das Auftreten einiger Schiedsrichter so sehr?


Die Antwort ist im Prinzip relativ simpel. Die Intressen eines Schiedsrichters sind bei einem Fussballspiel völlig andere als das Intresse der Beteiligten Mannschaften und Spieler. Zum großen Teil stehen sie sogar im krassen Gegensatz zueinander. Dadurch entstehen Konfliktpotentiale die zwangsläufig zu Reibungen führen. Dieses Konfliktpotential kann nur dadurch verringert werden, dass Spieler und Schiedsrichter lernen sich in die Lage des anderen Hineinzuversetzen und ihr eigenes Temperament zügeln. Das ist alleerdings in einem Spiel, das auch von den Emotionen lebt, eine nicht ganz einfache Aufgabe... -für beide Seiten.

Um die Intressenskonflikte einmal deutlich zu machen ein paar kurze Beispiele:

Vor Spielbeginn:

Mannschaft A ► will gewinnen
Mannschaft B ► will gewinnen
Schiedsrichter ► will Einhaltung der Spielregeln

Im Spielverlauf erzielt Mannschaft A ein Tor:
Mannschaft A ► will den Vorsprung verteidigen oder ausbauen
Mannschaft B ► muss nun 2 Tore erzielen um das Spiel zu gewinnen
Schiedsrichter ► muss sich dem Spielverlauf anpassen und Aufmerksamkeit steigern, da der Intressenskonflikt sich zwischen beiden Mannschaften verschärft hat

Mannschaft A foult einen Spieler der Mannschaft B an der Strafraumgrenze:
Mannschaft A ► will keine Bestrafung
Mannschaft B ► möchte eine möglichst harte Bestrafung
Schiedsrichter ► möchte eine gerechte Entscheidung treffen.

Du siehst also in jedem Beispiel hat der Schiedsrichter ein vollkommen anderes Intresse. Im dritten Beispiel gerät er zwischen die Fronten und muss dem Regelwerk entsprechend eine Mannschaft bevorteilen und benachteiligt gleichzeitig die Andere zwangsläufig. Es entsteht der größtmögliche Intressenskonflikt, bei dem sich alle 3 Parteien genau gegenüberstehen.

Der Schiedsrichter kommt am Ende des Spiels nur heile aus der Nummer heraus, wenn er es schafft beide beteiligten Mannschaften so zu behandeln, dass beide sich absolut gleichmäßig behandelt fühlen. Ein Schiedsrichter trifft pro Spiel im Schnitt mehr als 200 Entscheidungen und gerät entsprechend oft in den Intressenskonflikt. Da wäre es also nur allzu normal, wenn er schätzungsweise 5-10 mal danebenliegt. Die Fehlerquote ist dann immer noch sehr gering.

Wir erwarten allerdings fehlerfreie Leistungen oder maximal 1-2 Fehler, die dann aber wiederum am besten nur irrelevante Einwürfe in Höhe der Mittellinie nach Pressschlägen sind.

Und das ist die große Herausforderung bei der Schiedsrichterei. Du musst jedes Wochenende, egal ob Kreisliga oder Bundesliga, versuchen unter dem "Normalwert" an Fehlentscheidungen zu liegen. Genauso wie der Spieler versucht jeden Pass an den Mann zu bringen. Der Unterschied ist bloß: Der Schiedsrichter hat keinen Abwehrspieler oder Torwart hinter sich, der einen Fehler ggf. nochmal ausbügeln kann.

•     •     •

KÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄSEWOASCHT!

Dieser Beitrag wurde zuletzt von Karamellwurst am 28.08.2013 um 14:09 Uhr bearbeitet
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