Marcelinho
23.02.2004 - 21:03 Uhr
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/sport/319086.html
Der Ballzauberer fremdelt
Marcelinho verkörpert die Probleme von Hertha
VON MICHAEL JAHN
BERLIN, 23. Februar. Aus dem Daimler drang Musik. Nicht so laut wie oft, aber auch nicht leise. Im Wagen warteten wie immer geduldig die Freunde von Marcelinho und Bruder Claudio. Der Anhang, der den 28-jährigen brasilianischen Mittelfeldspieler von Hertha BSC jeden Tag zum Training begleitet, hatte zuvor bei der Übungsstunde nach dem enttäuschenden 1:2 gegen Eintracht Frankfurt mächtig gefroren. Der eiskalte Wind war daran schuld und wohl auch ein wenig die gedrückte Atmosphäre.
Marcelinho, eigentlich der kreative Kopf von Berlins Bundesligisten, war wie alle seine Teamkollegen in der öffentlichen Beurteilung seiner Leistung schlecht weggekommen. Nach den Ursachen seines Formtiefs befragt, befolgte Marcelinho den Reflex fast aller Bundesliga-Profis nach Niederlagen: "Kein Kommentar", knurrte er, "ich möchte nichts sagen." Das klang bei seiner Gestik und Mimik fast schon ein wenig entschuldigend.
Es wäre unfair und unrichtig, den "Rückfall in den Herbst", wie Trainer Hans Meyer sagte, zuvorderst Marcelinho zuzuschreiben. Viele andere Profis wehrten sich am Sonntagabend auch nicht energisch, nicht aggressiv genug gegen die drohende Niederlage und den erneuten Absturz auf einen der Abstiegsränge. Doch bei einem Spieler mit dem Potenzial eines Marcelinho fallen schwache Auftritte ganz besonders auf. Zudem ist es kein Geheimnis, dass das Spiel von Hertha BSC oft in starkem Maße von dessen Befindlichkeit abhängig ist. Trainer Meyer wollte nach der bitteren Niederlage gegen einen direkten Kontrahenten im turbulenten Abstiegskampf allerdings keine Marcelinho-Kritik betreiben. Er hob vielmehr dessen positive Auftritte in der jüngsten Vergangenheit hervor. "Marcello hatte seinen Anteil am Sieg gegen Stuttgart mit einem Freistoß vor dem Treffer", sagte Meyer. "Und auch in Freiburg hat er ordentlich gespielt, aber nicht das, was er an Glanztagen geschafft hat."
Bei Hertha wollen sie ihren wertvollsten Mann - geschätzter Transferwert rund acht Millionen Euro - offenbar schützen und nicht mit harscher Kritik noch weiter verunsichern. Der inzwischen berühmte Rückpass des Brasilianers beim 0:4 in Bremen ausgerechnet auf seinen Freund und Landsmann Ailton, der zu einem Gegentreffer führte, hatte Marcelinho schwer getroffen.
Meyer meinte zudem mit Blick auf mehrere Profis: "Ich bin nicht in der Lage, bei jedem jede Woche neu zu erforschen, wo die Ursachen für schwächere Auftritte liegen." Außerdem besitzt der Trainer, der den Auftrag hat, den Abstieg zu verhindern, dafür gar keine Zeit. Marcelinho neige dazu, den Ball zu lange zu halten, aber "er ist viel auf dem Platz unterwegs und versteckt sich nicht", gab der Trainer am Montag doch noch eine klitzekleine Einzelkritik ab, eine Sache, die er in der Öffentlichkeit liebend gern vermeidet. "Marcelinhos Aktivitäten helfen uns zur Zeit nicht allzu sehr", gab Meyer zu, stellte aber mit Bestimmtheit fest: "Wir haben kein Marcelinho-Problem!"
Corinthians an Luizão interessiert
In seiner Heimat Brasilien spielt Marcelinho in den Medien zurzeit überhaupt keine Rolle mehr, dafür sein Landsmann Luizão. Der Stürmer von Hertha BSC (Vertrag bis 2006) weckt offenbar die Begehrlichkeiten seines ehemaligen Klubs Corinthians Sao Paulo. Der neue Trainer Osvaldo Oliveira, der Corinthians 2000 zur Klubweltmeisterschaft geführt hatte (mit Luizão), sagte: "Mir fehlt ein Strafraumspieler." Und Sportdirektor Rivelino, der Weltmeister von 1970, wird so zitiert: "Luizão ist ein interessanter Spieler. Der könnte unsere Probleme im Angriff lösen." Luizão schoss einst für Corinthians 73 Tore in 109 Spielen, für Hertha BSC traf er in 26 Partien erst viermal.
Marcelinhos Arbeitsnachweis
2001/02: 33 Spiele/13 Tore/5 Vorlagen
2002/03: 33 Spiele/14 Tore/11 Vorlagen
2003/04: 12 Spiele/0 Tore/4 Vorlagen
Der Ballzauberer fremdelt
Marcelinho verkörpert die Probleme von Hertha
VON MICHAEL JAHN
BERLIN, 23. Februar. Aus dem Daimler drang Musik. Nicht so laut wie oft, aber auch nicht leise. Im Wagen warteten wie immer geduldig die Freunde von Marcelinho und Bruder Claudio. Der Anhang, der den 28-jährigen brasilianischen Mittelfeldspieler von Hertha BSC jeden Tag zum Training begleitet, hatte zuvor bei der Übungsstunde nach dem enttäuschenden 1:2 gegen Eintracht Frankfurt mächtig gefroren. Der eiskalte Wind war daran schuld und wohl auch ein wenig die gedrückte Atmosphäre.
Marcelinho, eigentlich der kreative Kopf von Berlins Bundesligisten, war wie alle seine Teamkollegen in der öffentlichen Beurteilung seiner Leistung schlecht weggekommen. Nach den Ursachen seines Formtiefs befragt, befolgte Marcelinho den Reflex fast aller Bundesliga-Profis nach Niederlagen: "Kein Kommentar", knurrte er, "ich möchte nichts sagen." Das klang bei seiner Gestik und Mimik fast schon ein wenig entschuldigend.
Es wäre unfair und unrichtig, den "Rückfall in den Herbst", wie Trainer Hans Meyer sagte, zuvorderst Marcelinho zuzuschreiben. Viele andere Profis wehrten sich am Sonntagabend auch nicht energisch, nicht aggressiv genug gegen die drohende Niederlage und den erneuten Absturz auf einen der Abstiegsränge. Doch bei einem Spieler mit dem Potenzial eines Marcelinho fallen schwache Auftritte ganz besonders auf. Zudem ist es kein Geheimnis, dass das Spiel von Hertha BSC oft in starkem Maße von dessen Befindlichkeit abhängig ist. Trainer Meyer wollte nach der bitteren Niederlage gegen einen direkten Kontrahenten im turbulenten Abstiegskampf allerdings keine Marcelinho-Kritik betreiben. Er hob vielmehr dessen positive Auftritte in der jüngsten Vergangenheit hervor. "Marcello hatte seinen Anteil am Sieg gegen Stuttgart mit einem Freistoß vor dem Treffer", sagte Meyer. "Und auch in Freiburg hat er ordentlich gespielt, aber nicht das, was er an Glanztagen geschafft hat."
Bei Hertha wollen sie ihren wertvollsten Mann - geschätzter Transferwert rund acht Millionen Euro - offenbar schützen und nicht mit harscher Kritik noch weiter verunsichern. Der inzwischen berühmte Rückpass des Brasilianers beim 0:4 in Bremen ausgerechnet auf seinen Freund und Landsmann Ailton, der zu einem Gegentreffer führte, hatte Marcelinho schwer getroffen.
Meyer meinte zudem mit Blick auf mehrere Profis: "Ich bin nicht in der Lage, bei jedem jede Woche neu zu erforschen, wo die Ursachen für schwächere Auftritte liegen." Außerdem besitzt der Trainer, der den Auftrag hat, den Abstieg zu verhindern, dafür gar keine Zeit. Marcelinho neige dazu, den Ball zu lange zu halten, aber "er ist viel auf dem Platz unterwegs und versteckt sich nicht", gab der Trainer am Montag doch noch eine klitzekleine Einzelkritik ab, eine Sache, die er in der Öffentlichkeit liebend gern vermeidet. "Marcelinhos Aktivitäten helfen uns zur Zeit nicht allzu sehr", gab Meyer zu, stellte aber mit Bestimmtheit fest: "Wir haben kein Marcelinho-Problem!"
Corinthians an Luizão interessiert
In seiner Heimat Brasilien spielt Marcelinho in den Medien zurzeit überhaupt keine Rolle mehr, dafür sein Landsmann Luizão. Der Stürmer von Hertha BSC (Vertrag bis 2006) weckt offenbar die Begehrlichkeiten seines ehemaligen Klubs Corinthians Sao Paulo. Der neue Trainer Osvaldo Oliveira, der Corinthians 2000 zur Klubweltmeisterschaft geführt hatte (mit Luizão), sagte: "Mir fehlt ein Strafraumspieler." Und Sportdirektor Rivelino, der Weltmeister von 1970, wird so zitiert: "Luizão ist ein interessanter Spieler. Der könnte unsere Probleme im Angriff lösen." Luizão schoss einst für Corinthians 73 Tore in 109 Spielen, für Hertha BSC traf er in 26 Partien erst viermal.
Marcelinhos Arbeitsnachweis
2001/02: 33 Spiele/13 Tore/5 Vorlagen
2002/03: 33 Spiele/14 Tore/11 Vorlagen
2003/04: 12 Spiele/0 Tore/4 Vorlagen
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