Alemannia im Drittliga-Abstiegskampf
Aachen zwischen Skepsis und brutalem Potenzial – Azzouzi: „An einfachsten Dingen ansetzen“
©IMAGO
Bei Alemannia Aachen ist einiges los. Die Schwarz-Gelben sind seit 2024 wieder drittklassig, nachdem sie aus der 2. Bundesliga runter bis in die Regionalliga West gestürzt waren. Trainer Heiner Backhaus führte den wiederbelebten Klub auf einen respektablen 12. Platz und verabschiedete sich nach zwei erfolgreichen Jahren im vergangenen Sommer zu Eintracht Braunschweig. Rachid Azzouzi übernahm Anfang August die neue Position des Sport-Geschäftsführers und verantwortet die Bereiche Kaderplanung, Transfers und strategische Ausrichtung des Lizenz- und Nachwuchsbereichs. Der neue starke Mann, zuvor jahrelang für die Geschicke bei der SpVgg Greuther Fürth zuständig, hatte keine Zeit zu verlieren. Schließlich startete die Saison am 2. August. Mit einem Team, das einer Baustelle glich. Zwischen Skepsis und brutalem Potenzial: So kämpft sich Alemannia Aachen in der 3. Liga zurück!
„Es war notwendig, relativ schnell reinzukommen. Es war noch eine Menge zu tun, wir mussten schauen, dass wir einen wettbewerbsfähigen Kader zusammenkriegen. In der Kürze der Zeit haben wir das gut hinbekommen. Aber wir hatten sechs, sieben Langzeitausfälle, das war wie ein Teufelskreis“, sagt Azzouzi im Interview mit Transfermarkt. Für den 54-Jährigen, der nicht gerade den idealen Zeitpunkt für einen Neustart erwischte, ging es parallel darum, „herauszufinden, wie der Verein aufgestellt ist, wer welche Verantwortlichkeiten hat und wie die internen Abläufe aussehen. Das ist ein fortlaufender Prozess. Wir wollen unsere Mitarbeiter weiterentwickeln und neue dazuholen, um den Anforderungen in der 3. Liga und irgendwann vielleicht auch in der 2. Liga gerecht zu werden.“
Azzouzi, gebürtiger Marokkaner, war als Kind mit seiner Familie ins Rheinland gezogen. Was bei der Eingewöhnung in Aachen nicht von Nachteil ist. „Ich komme aus der Region und weiß, was dieser Verein für eine Wucht entfalten kann“, stellt er fest. Genauso, dass die Menschen bei Alemannia ein Gespür für Realismus mitbringen. Ein Jahrzehnt Regionalliga geht nicht spurlos vorbei an einem traditionsreichen Verein, der 2004 sensationell den FC Bayern aus dem Pokal warf und sogar bis ins Finale vorstieß. Lange ist’s her mit den glorreichen Zeiten.
„Unsere Gremien haben mir nicht gesagt: Wir sind Alemannia Aachen und müssen automatisch 2. Liga spielen. Das wird nach elf Jahren Regionalliga auch nicht funktionieren. Klar bin ich sehr ambitioniert und weiß, was die 2. Liga bedeutet“, merkt Azzouzi an. Er sei jedoch keiner, der große Sprüche klopft, schließlich sei ihm klar, dass eine Menge zu tun ist. „Wir müssen den Weg der kleinen Schritte gehen. Ich bin ein ungeduldiger Mensch, aber ich stelle auch fest, dass wir hier noch an den einfachsten Dingen ansetzen müssen. Das braucht Zeit. Es geht darum, die Ist-Situation realistisch einzuschätzen und Strukturen aufzubauen, um nach dem Aufstieg ein nachhaltiges Fundament zu schaffen. Wir wissen, dass wir viel Arbeit vor uns haben, es schwierig und kompliziert wird.“
Ex-Zweitligist Aachen hat an Substanz verloren: Nur ein eigener Trainingsplatz
In der Ewigen Tabelle der 2. Liga ist Aachen Vierter hinter Azzouzis Ex-Klubs Fürth (1.) und St. Pauli (2.) sowie Hannover 96 (3.). Der harte Aufprall erfolgte 2012 und 2013 mit dem doppelten Abstieg. Ein Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Kein Wunder, dass sich die Bedingungen in dieser Zeit nicht gebessert haben. Ganz im Gegenteil. Azzouzi hat das registriert. „Der Klub hat bis vor einem Jahr elf Jahre Regionalliga gespielt – und so kann man sich das hier auch vorstellen. Alemannia hat in seinen Strukturen vieles verloren. Das Tivoli-Stadion ist schön, aber wir haben wenig Büroräume und nur einen einzigen Trainingsplatz, der uns gehört. Der Rest gehört der Stadt. Das sind die Fakten. Wir sind im Grunde Mieter und Gast im Stadion. Durch den Doppelabstieg wurde an Substanz verloren. Das zeichnet ein Stück weit den Zustand des Vereins aus.“ Der neue Sportchef sieht aber nicht nur das, was brachliegt, sondern auch das, was wieder entstehen kann. „Alemannia hat eine große Geschichte, brutales Potenzial, und die Menschen identifizieren sich zu 100 Prozent mit dem Verein und reden nicht über Köln oder Leverkusen. Alemannia Aachen ist das bestimmende Thema. Das ist sehr besonders und macht es einfach, den Verein zu mögen und gerne hier zu arbeiten.“ Hilfreich: Mit dem Dreiländereck und der Nähe zu Belgien und den Niederlanden sei Aachen „eigentlich ein sehr attraktiver Standort für Fußball. Es gibt einen gewissen Raum, den wir gut bespielen können.“
Der Tivoli bietet als Austragungsstätte von Alemannia Aachen Platz für 32.960 Fans und gehört seit 2015 der Stadt
Wie so viele Vereine, die irgendwann einmal den Anschluss verloren haben, muss Alemannia für sich herausfinden, wie es in Zukunft bestehen kann. Der erfahrene Azzouzi setzt dabei vor allem auf ein Standbein, um es mit der Konkurrenz aufnehmen zu können. „Es ist der große Reiz, im Nachwuchsbereich Voraussetzungen zu schaffen, damit Spieler nicht mehr nach Leverkusen oder Köln gehen, sondern zu Alemannia kommen, weil der Weg in die erste Mannschaft ein wenig einfacher ist“, sagt der Manager. „Ich habe es in Fürth erlebt, und auch Elversberg und Nürnberg gelingt es mittlerweile, dass junge Spieler dorthin gehen. Deswegen glaube ich, dass wir an diesem Standort eine Identität schaffen können.“
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Zweimal stand Alemannia in seiner Vereinsgeschichte finanziell am Abgrund. Vom stabilen Dauer-Zweitligisten war zwischenzeitlich nicht mehr viel übriggeblieben. Laut Azzouzi hat der Verein inzwischen eine gute Eigenkapitalquote und lebt gesund. „Es muss – anders als in der Vergangenheit – niemand Angst vor Zahlungsunfähigkeit haben. Das ist ein erster Schritt, aber nicht mehr“, konstatiert der Sport-Geschäftsführer. „Wir müssen das Vertrauen der Leute, von Sponsoren und der Stadt wiedergewinnen, damit perspektivisch wieder mehr Alemannia gehört und wir nicht im Winter in der Weltgeschichte herumfahren müssen, um trainieren zu können. Das ist kein kurzfristiges Projekt, denn es müssen viele Hebel in Bewegung gesetzt werden, um die Grundvoraussetzungen für dauerhaft professionellen Fußball zu schaffen.“
Um die Stadt und das Umfeld wieder hinter sich zu bringen, braucht es Akribie und Taten. „Das ist ein steiniger Weg und wird nicht einfach sein. In der Vergangenheit wurde viel Kredit aufgebraucht. Wenn du zwei Insolvenzen hattest und deinen Verpflichtungen nicht nachgekommen bist, musst du dir das Vertrauen und eine Eigenverantwortlichkeit erst wieder erarbeiten. Zeigen, dass seriös und solide gewirtschaftet wird und für den kurzfristigen Erfolg nicht über deinen Verhältnissen gelebt und alles auf eine Karte gesetzt wird. Damit wir alle zusammen – die Menschen, die Stadt und die Kreditgeber – Alemannia das geben können, was es benötigt“, befindet Azzouzi. Denn es sei kein schönes Gefühl, Bittsteller zu sein. „Ich spüre, dass viele wollen, aber noch eine gewisse Skepsis da ist, was ich komplett nachvollziehen kann.“
Alemannia Aachen zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Azzouzi lobt Fan-Rückhalt
Die Schwarz-Gelben sind in der Realität angekommen – verknüpft mit der leisen Hoffnung, eines Tages wieder mehr als Drittliga-Stadien sehen zu dürfen. Das Vabanquespiel zwischen Anspruch und Wirklichkeit begleitet Traditionsklubs tagtäglich. „Ich habe den Eindruck, dass die Situation im Verein richtig eingeschätzt wird. Das Umfeld kann ich noch nicht richtig einordnen“, verrät Azzouzi nach knapp drei Monaten im Amt. „Drumherum wird natürlich immer relativ schnell über die große Geschichte und Tradition gesprochen. Aber die Fans sind top und stehen zur Mannschaft und sehen, dass sie alles reinhaut, auch wenn wir nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt haben. Es ist Kredit und momentan eine vernünftige Erwartungshaltung bei den Anhängern vorhanden. Alles andere wäre auch nicht richtig. Nur weil wir die 3. Liga im ersten Jahr recht knapp gehalten haben, heißt das nicht automatisch, dass es jetzt in eine andere Richtung geht. Unser großes Ziel ist erneut der Klassenerhalt – der ist eminent wichtig, um auf diesem Fundament weiter aufbauen zu können.“
Wenn in den Weiten des Internets einige Menschen mit negativen Kommentaren zum Treiben der Alemannia mal deutlich übers Ziel hinausschießen, tangiert das Azzouzi wenig. Für ihn zähle ausschließlich der direkte Dialog mit den treuen Fans, das sei maßgeblich. Schließlich hat und hatte der Manager andere Aufgaben zu erledigen. Als er anfing, musste er viele Teile des Kaderpuzzles erst richtig zusammensetzen, nachdem die Ungeduld zugenommen hatte und das Murren größer geworden war.
Azzouzi blickt aufs Transferfenster zurück und sagt: „Mit Emmanuel Elekwa und zuletzt Mehdi Loune, der uns perspektivisch sehr guttun kann, haben wir auch sehr junge Spieler geholt. Aber nur mit jungen Spielern, die den nächsten Schritt machen wollen und eines Tages Transfererlöse generieren können, geht es nicht. Du brauchst ein paar erfahrene Jungs, die die Kabine führen und den anderen zeigen, was es bedeutet, für diesen Verein zu spielen. Deswegen ist es schon besser, wenn du ein paar dabei hast, die auch ein bisschen länger da sind. Wir hatten zudem einige Leihtransfers, anders ließen sich diese nicht umsetzen.“
Nicht alle Wünsche konnten erfüllt werden, nicht jedes Puzzleteil war rechtzeitig auffindbar oder kompatibel. „Mit Marius Wegmann haben wir einen Innenverteidiger dazubekommen, aber wir wollten eigentlich noch einen zweiten verpflichten. Nach dem Abgang von Patrick Nkoa, der uns eigentlich schon zugesagt hatte, waren noch zwei, drei andere im Gespräch, die wir alle nicht bekommen haben – das muss man ganz klar sagen und hätte ich gerne anders gehabt. Die Verletzung von Mika Hanraths tut uns weh, das ist keine einfache Situation“, erklärt der frühere Mittelfeldspieler.
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Nur mit jungen und talentierten Fußballern geht es in der umkämpften 3. Liga nicht. Mit Gianluca Gaudino (28) und Kwasi Wriedt (31) stehen zwei Routiniers im Aachener Kader, die 117 bzw. 44 Partien an internationaler Erstliga-Erfahrung aufweisen. Auch Torwart Jan Olschowsky (23) hat bei Gladbach schon viermal Bundesliga gespielt. Kräfte, die die nachrückenden Hoffnungsträger an die Hand nehmen sollen. Azzouzis Forderung ist klar: „Dass sie vorangehen und den jungen Spielern einen Weg aufzeigen. Profi zu sein bedeutet nicht, einen Vertrag zu unterschreiben und zu glauben: ‚Okay, das war's.‘ Das ist nur der Startschuss für das, was ich leisten muss.“ Auch, um in der engen 3. Liga Fuß fassen zu können. Die sportliche Dichte kennt Azzouzi aus dem Unterhaus. „Zwischen den Mannschaften bestehen meines Erachtens keine Riesenunterschiede. Alle sind eng beieinander, es geht nicht um mehr Geld oder Zuschauer, sondern um Kleinigkeiten, Stabilität und Kontinuität.“
Alemannia Aachen gab die Verpflichtung von Rachid Azzouzi am 25. Juli bekannt. „Es ist unser klares Ziel, nachhaltige Strukturen aufzubauen, die sportlichen Erfolg ermöglichen“, sagte der neue Sportchef
Alemannia Aachen sucht Nachfolger für freigestellten Trainer Muzzicato
Auf der Suche nach Stabilität und Kontinuität knirscht es in Aachen derzeit noch an vielen Ecken und Enden, wie der Blick auf die Tabelle preisgibt. Mehr als ein Viertel der Saison ist Geschichte, genau wie der erst im Sommer – vor Azzouzis Einstieg – verpflichtete Trainer Benedetto Muzzicato. Der Sturz auf Abstiegsplatz 18 war zu viel. Interimsweise haben Assistenzcoach Ilyas Trenz und U19-Trainer Carsten Wissing das Kommando übernommen. Azzouzi begründet den Schritt, der nach einem „offenen und ehrlichen Gespräch“ mit dem Cheftrainer erfolgte: „Es fehlte die Überzeugung, dass wir einfach so weitermachen können. Es braucht einen neuen Impuls und Ansatz. In vielen Spielen waren wir mindestens ebenbürtig, haben nie richtig schlecht gespielt. Aber es hat seine Gründe, dass wir sieben von elf Spielen verloren haben. Das ist auf Dauer nicht nur Pech. Wir kassieren zu viele Gegentore. Die Gesamtverteidigung der Mannschaft ist nicht so, wie sie sein muss, um mehr Punkte zu erzielen. Es ist nicht so, dass ich total Angst habe, dass die Qualität der Mannschaft nicht ausreicht. Nur müssen wir diese auf den Platz bringen und einfach seriöser und konsequenter verteidigen. Das ist das A und O. Wenn wir das machen, werden wir noch ganz viele Punkte holen und eine gute Rolle spielen. Wenn nicht, wird es eine sehr komplizierte Saison.“
Damit dieser Fall möglichst nicht eintritt, fahndet Azzouzi nach einer neuen Lösung für den Trainerposten. Im Zuge der Aufräummaßnahmen trennte sich Alemannia auch vom Technischen Direktor Erdal Celik. Er würde es nicht schaffen, ihm hundertprozentig zu vertrauen, wurde Azzouzi zitiert. Mit dem Werben um unrealistische Neuzugänge wie Tolcay Cigerci (30, Energie Cottbus) soll Celik in der Öffentlichkeit eine gewisse Erwartungshaltung geschürt haben. Keine Basis für eine weitere Zusammenarbeit.
„Erdal ist ein junger Manager und sammelt Erfahrungswerte. Das war nicht gut von ihm und kontraproduktiv, weil die Spieler bei anderen Vereinen unter Vertrag stehen. Sowas bespricht man unter den Vereinen, das gehört aber nicht in die Öffentlichkeit. Vor allem, wenn man weiß, dass ein Transfer zu unseren Rahmenbedingungen eigentlich gar nicht umzusetzen ist“, offenbart Azzouzi, der sich und dem 37-jährigen Celik zwei bis drei Monate Zeit gab, um auszuloten, ob es matcht – oder eben nicht. „Der Technische Direktor ist mein wichtigster Ansprechpartner und es muss zu 100 Prozent passen. Erdal hat sich angestrengt und wir haben es probiert, aber das Gefühl war bei mir einfach nicht da. Es gibt dennoch überhaupt kein böses Blut.“ Dafür aber eine ganze Menge zu tun in Aachen.
Text und Interview von Philipp Marquardt
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