XXL-Chronik zum Aufstieg
7 Jahre Drama: Die mühsame Bundesliga-Rückkehr des HSV – „Verschworener Haufen“
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Dieser Artikel wurde erstmals am 1. Mai 2025 veröffentlicht und anlässlich des ersten Bundesliga-Spiels des HSV seit sieben Jahren erneut publiziert.
Sechsmal probiert, sechsmal ist nichts passiert. Nach vielen Dramen lässt der Fußballgott 2025 aber Milde walten und den Hamburger SV endlich zurück in die Bundesliga. Seine Panik vor dem Aufsteigen hat der HSV damit endgültig besiegt. Die XXL-Chronik des Wahnsinns mit exklusiven Eindrücken von Ralf Becker, Tim Leibold und Sonny Kittel – aufgezeichnet von Philipp Marquardt.
Was ist hier gerade passiert und was ging überhaupt in den letzten Wochen ab?
Der HSV ist nach sieben Jahren zurück in der Beletage des deutschen Fußballs. Die lange Leidenszeit seit dem historischen ersten Abstieg der Vereinsgeschichte am 12. Mai 2018 ist vorbei. Was damals als nicht mehr zu verhindernder Betriebsunfall schnell repariert werden sollte, war nur der Auftakt einer Periode voller Hoffnungen, Dramen und Wendungen, die Saison für Saison einen neuen emotionalen Tiefpunkt erlangte. Aus dem einstigen Bundesliga-Dino wurde 2024 sogar der Zweitliga-Dino, weil kein Klub so lange ununterbrochen im deutschen Unterhaus weilte. Der mit rund 38 Millionen Euro Ausgaben für 66 Neuzugänge – zehn (!) davon kosteten mindestens 1,5 Mio. Euro – und 70 Mio. Euro Einnahmen für 62 feste Abgänge personell einiges auf den Kopf stellte. Und trotz vieler Rückschläge auf die ungebrochene Zuneigung seiner Fans setzen konnte. Köln, Paderborn, Union Berlin, Bielefeld, Stuttgart, Bochum, Fürth, Schalke, Bremen, Heidenheim, Darmstadt, St. Pauli und Kiel ließ der HSV bis 2024 auf dem Weg in Richtung Bundesliga an sich vorbeiziehen. Darunter Teams, die vom Kaderwert zum Teil deutlich hinter den Hamburgern angesiedelt waren. Das späte Happy End folgte im Mai 2025. Transfermarkt gratuliert und blickt auf sieben Jahre Zweitliga-Drama beim HSV!
2018/19: Auf den Stadtderby-Triumph folgt das „Systemversagen“
Am 16. März 2019 um 13:20 Uhr war die Welt beim im vorherigen Sommer abgestürzten HSV noch völlig in Ordnung. Die Rothosen gingen durch den 13. Saisontreffer von Pierre-Michel Lasogga nach einer Viertelstunde mit 2:0 gegen Darmstadt in Führung. Niemand im Volksparkstadion wäre auf die Idee gekommen, dass dieses Team auf dem Weg zur direkten Bundesliga-Rückkehr noch aufzuhalten sein würde. Aber irgendetwas ging an diesem 26. Spieltag in die Brüche. Marvin Mehlem per Doppelpack und Tobias Kempe zogen dem HSV doch noch den Stecker, 2:3 in der Nachspielzeit. Der Traditionsklub kam danach nicht mehr auf die Beine. Nur eine Woche zuvor war diese vor Selbstbewusstsein strotzende Mannschaft über den Stadtrivalen hinweggefegt. Eine Machtdemonstration am Millerntor.
Was ist danach bloß passiert? Zu viel gefeiert? Ralf Becker, als damaliger Sportvorstand neu im Amt, formuliert es bei Transfermarkt heute so: „Viele Spiele in dieser Saison waren eng. Der 4:0-Erfolg auf St. Pauli war da sicherlich vom Ergebnis her eine Ausnahme. Durch den Derbysieg entstand plötzlich eine unglaubliche Euphorie, die wir aber nicht als Antrieb nutzen konnten. Die beiden Heim-Niederlagen gegen Darmstadt und Magdeburg (zwei Spieltage später; d. Red.) haben dann etwas mit unserem Selbstverständnis gemacht. Zum Ende der Spielzeit konnten wir unsere Leistung einfach nicht mehr konstant abrufen und sind dann folgerichtig tabellarisch abgerutscht.“
Der HSV bejubelt das 4:0 auf St. Pauli am 25. Spieltag 2018/19 – und stellt danach das Fußballspielen ein
Acht Sieglos-Spiele in Folge, trotzdem vor dem 31. Spieltag noch auf einem direkten Aufstiegsplatz. Das 1:4 bei Steffen Baumgarts Paderborn, Ligapleite Nummer zehn, bedeutete eine Woche vor Saisonfinale das Platzen aller Aufstiegsträume. Kapitän Aaron Hunt wütete: „Ich muss aufpassen, was ich sage. (…) Wir haben eine katastrophale Rückrunde gespielt und sind auch völlig verdient nicht aufgestiegen. (…) Wir haben jedes Mal versagt, auch heute. Ich habe nicht gesehen, dass wir uns gewehrt haben.“ Klubchef Bernd Hoffmann erkannte ein „Systemversagen“: „Unser gesamtes Sportsystem ist irgendwann im Winter kollabiert und nicht wieder in Gang gekommen.“ Und: „Wir haben mit einem Kader von 27 Millionen Euro gegen einen gespielt, der zwischen 11 und 12 Millionen Euro liegt – und waren unterm Strich chancenlos.“ Nicht ganz: Das Budget des späteren Aufsteigers SCP soll sogar bei nur 6,5 Mio. Euro gelegen haben. Der HSV durchlaufe seit Jahren einen „Kreislauf des Schreckens“, wetterte Hoffmann.
Zuversicht im Oktober 2018: HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann, Trainer Hannes Wolf und Sportvorstand Ralf Becker (v.l.n.r.)
Mit Narey und Mangala
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Und das mit dem jüngsten Aufgebot in der 2. Liga, das mit 58,4 Millionen Euro Teamwert neben Mitabsteiger Köln (76,5 Mio. Euro) als Favorit im Unterhaus galt: Douglas Santos (10 Mio. Euro Marktwert!), Rick van Drongelen, Fiete Arp, Pierre-Michel Lasogga, Lewis Holtby und Co. versprachen Potenzial, Qualität und Erfahrung. An mangelndem Faninteresse lag der Absturz nicht: Im Schnitt kamen 48.889 Zuschauer ins Volksparkstadion, was einen leichten Rückgang bedeutete – in der letzten Bundesliga-Saison waren es 50.657. Nach dem Abstieg hatten die Hamburger Spieler wie Walace, Luca Waldschmidt, André Hahn und Albin Ekdal für 18,9 Mio. Euro abgegeben (Einnahmen-Spitzenwert hinter Köln) und im Gegenzug lediglich 1,7 Mio. Euro investiert – die allesamt in Fürths Angreifer Khaled Narey flossen. Die weiteren Neuzugänge Christoph Moritz, Hee-chan Hwang, Léo Lacroix, Jairo Samperio, Orel Mangala, Manuel Wintzheimer, David Bates und im Winter Berkay Özcan gesellten sich ablösefrei oder auf Leihbasis dazu.
Becker erklärt seinen Drahtseilakt: „Die Gesamtlage war sehr komplex. Der Verein war gerade das erste Mal in seiner Vereinsgeschichte abgestiegen. Ich bin als neuer Sportvorstand erst nach Ende der Saison eingestiegen und wir mussten schnell verschiedene Puzzlestücke zusammenfügen. Wir waren aufgrund der wirtschaftlichen Lage gezwungen, mit Spielerverkäufen Gelder zu generieren, mussten aber gleichzeitig auch den Anspruch erfüllen, eine aufstiegstaugliche Mannschaft zusammenzustellen.“ Nur die Zugänge Narey und VfB-Leihgabe Mangala schlugen ein. Der HSV ging mit dem auf mutigen Fußball setzenden Abstiegstrainer Christian Titz in seine erste Zweitliga-Spielzeit, obwohl das Vertrauen der Bosse brüchig war. Becker zog früh, nach einem 0:0 am 10. Spieltag gegen Bochum, die Notbremse. Und präsentierte mit Hannes Wolf einen aufstiegserfahrenen Hoffnungsträger, der mit sechs Siegen und einem Remis einen fulminanten Start hinlegte. In der Rückrunde aber noch spektakulärer scheiterte. Darüber tröstete auch nicht der Erfolg im DFB-Pokal hinweg, wo erst im Halbfinale gegen RB Leipzig (1:3) Endstation war.
„Wir müssen ein weiteres Mal jeden einzelnen Stein umdrehen“, befand der notorisch ungeduldige Vorstandsboss Hoffmann, der den „überflüssigsten Nichtaufstieg der Fußball-Geschichte“ erlebt haben will. „Denn das Letzte, was beim HSV passieren wird, ist, dass wir uns mit der 2. Liga abfinden und sie als normal hinnehmen.“ Becker kündigte nach dem Desaster in Paderborn ebenfalls eine „knallharte“ Analyse an. Den Kieler Mittelfeldspieler David Kinsombi fädelte er schon im April 2019 als ersten Neuzugang ein, der Rechtsfuß kostete stattliche 3 Mio. Euro. Wolf war seinen Trainerjob beim HSV wieder los. Nach einem belanglosen 3:0 gegen Duisburg stand Platz 4 mit 56 Punkten zu Buche – nur ein Zähler hinter Paderborn und Union Berlin auf den Rängen 2 und 3. „Hannes war ein junger Trainer, der eine ähnliche Situation beim VfB Stuttgart schon einmal mit Bravour gemeistert hatte. In Hamburg bekam er nach den ausbleibenden Ergebnissen dann ziemlich schnell den hohen Erwartungsdruck zu spüren. Wir haben uns gerade in dieser schwierigen Phase viel ausgetauscht und uns gegenseitig gepusht, aber am Ende haben wir es leider aus verschiedenen Gründen nicht mehr drehen können“, sagt Becker heute. Zu Ende ging es aber auch für den Manager, von dem sich der HSV nach einer Saison wieder trennte.
Game over: Die HSV-Profis stellen sich nach dem geplatzten Aufstieg in Paderborn (1:4) am 12. Mai 2019 ihren Fans
2019/20: „Unerklärliche“ Blamage unter Hecking und Diekmeiers Jubel
Als die Schmach längst in trockenen Tüchern war, setzte Dennis Diekmeier noch einen obendrauf. Der langjährige und ewig torlose HSV-Rechtsverteidiger traf für Sandhausen zum Endstand in den Winkel. Jubelte ausgiebig. Die Hamburger, die mithilfe des Heidenheimer Patzers in Bielefeld nur einen Punkt benötigt hätten, um noch auf den Relegationsrang zu rutschen, versagten auf ganzer Linie. Linksverteidiger Tim Leibold erinnert sich bei TM: „Die Luft war raus, da ging gar nichts mehr. Dass wir 1:5 zuhause gegen Sandhausen verloren haben – du kannst eigentlich keinem erzählen, dass so etwas in Hamburg passiert. Die Energie war in den letzten vier, fünf Spielen weg. Die Jungs waren wie gelähmt. Unerklärlich.“
Woran es lag, könne Leibold bis heute nicht sagen. „Wir saßen mit ein paar noch relativ lang in der Kabine und haben uns tief in die Augen geschaut. Nach dem Motto: Was ist hier gerade passiert und was ging überhaupt in den letzten Wochen ab? Wir sind auf einen Nenner gekommen und meinten, dass die Einstellung uns vielleicht das Genick gebrochen hat. Aber mit unserer Qualität hätten wir es zumindest unter die Top-3 schaffen müssen“, so der 31-Jährige.
„Willkommen Zuhause“: Dennis Diekmeier blieb in 203 Bundesliga-Spielen für den HSV und Nürnberg ohne Tor – und traf am 34. Spieltag 2019/20 als Sandhausen-Profi mitten ins Hamburger Herz
Trainer Dieter Hecking erklärte konsterniert: „Wir haben das als großes Ganzes angefangen – und genau so sind wir jetzt als großes Ganzes gescheitert.“ Der Aufstieg wurde zum zweiten Mal kläglich verspielt. Mit nur 54 Punkten lieferten die Hanseaten die schwächste ihrer sieben Zweitliga-Saisons ab. Dabei sollte der ehemalige Leverkusener Sportdirektor und studierte Betriebswirt Jonas Boldt im zweiten Anlauf die Bundesliga-Rückkehr schaffen. „Nachdem der Abgang von Hannes Wolf feststand, haben wir uns gemeinsam nach einem Nachfolger umgeschaut. Dieter Hecking hatte aus unserer Sicht genau das richtige Profil für den Verein, und wir hatten die Verpflichtung schon weit vorangetrieben, als ich dann über meine eigene Freistellung informiert wurde. Das war ehrlich gesagt skurril und etwas überraschend. Ich hatte einen Dreijahresvertrag und wollte mit dem HSV nachhaltig etwas aufbauen. Aber auch ich war Teil des Teams und musste mich eben auch für den Nicht-Aufstieg verantworten“, blickt Manager Ralf Becker zurück.
In keinem anderen Zweitliga-Jahr wurde das Gesicht des Teams so stark verändert, 15 neue Spieler kamen – größtenteils längst vor Boldts Einstieg eingetütet. „Wir hatten bereits einige Spieler für die neue Saison verpflichtet, und das natürlich auch in enger Absprache mit dem Trainer. Mein Grundgedanke war es, das ganze bestehende Setting beizubehalten – unabhängig von dem Saison-Ausgang“, sagt Becker.
Mit Kinsombi und Dudziak
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„Es geht vor allem darum, das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen, dass der HSV für etwas steht“, meinte Boldt, der die Verpflichtung des erfahrenen Hecking perfekt machte. Die Zugänge David Kinsombi, Mittelstürmer Lukas Hinterseer, Außenverteidiger Jan Gyamerah, Allrounder Jeremy Dudziak und Keeper Daniel Heuer Fernandes brachten viel Zweitliga-Expertise mit, Bayern-Talent Adrian Fein (Leihe) und der 2,5 Millionen Euro teure englische Youngster Xavier Amaechi standen für frischen Wind. Darüber hinaus kamen der ablösefreie Offensivmann Sonny Kittel, Verteidiger Timo Letschert und Sturm-Routinier Martin Harnik (beide per Leihe). Für den 30 Jahre alten Verteidiger Ewerton, der nur fünf Spiele machen sollte, legten Boldt und Co. 2 Mio. Euro auf den Tisch. Der neue Linksverteidiger Leibold rechtfertigte seine Ablöse von 1,8 Mio. Euro mit satten 17 Torbeteiligungen, Amaechi und Ewerton avancierten dagegen zu Flops. Im Winter wurde mit den Leihprofis Louis Schaub, Jordan Beyer und Joel Pohjanpalo, der seine Knipser-Qualitäten umgehend unter Beweis stellte, nachgelegt.
Tim Leibold (l.) und Sonny Kittel standen für den HSV in der 2. Liga 74-mal gemeinsam auf dem Platz
Der HSV investierte 2019/20 stattliche 12,1 Mio. Euro, nahm aber auch 25,6 Mio. Euro durch die Verkäufe von Douglas Santos, Filip Kostić & Co. ein. Nur Absteiger VfB Stuttgart bewegte noch einmal deutlich mehr Millionen auf dem Transfermarkt. „Die Zielsetzung war von Beginn an klar. Da gab es nur volle Fahrt voraus. In den Gesprächen wurde mir auch gesagt: Wir wollen so schnell wie möglich wieder hoch in die Bundesliga“, erklärt Leibold. „Intern war ganz klar: Wir wollen und müssen hoch – und haben dafür auch die Mittel“, ergänzt Kittel. Das mit den zu hohen Erwartungen überforderte Sturm-Juwel Fiete Arp gab der Klub für 3 Mio. Euro an den FC Bayern ab. Die hochdotierten Verträge von Lewis Holtby und Pierre-Michel Lasogga wurden nicht mehr verlängert. Holtby hatte sich im Frühjahr 2019 selbst aufs Abstellgleis befördert: Weil er bei der 0:2-Niederlage bei Union Berlin Ende April nicht in der Startelf stehen sollte, wollte er die Auswärtsreise gar nicht erst antreten. Der Mittelfeldmann entschuldigte sich danach kleinlaut für seine „emotionale“ und „im Affekt“ geschehene Reaktion und akzeptierte die Entscheidung des Vereins, ihn nicht mehr einzusetzen. Nach dem Ende der Sommer-Transferperiode 2019 stand ein HSV-Kader mit einem Teamwert von 48,7 Mio. Euro in der TM-Datenbank – Platz 3 hinter den Absteigern VfB (79,6 Mio.) und Hannover 96 (52,8 Mio.).
„Knackpunkt“ aus Leibolds Sicht: Der HSV verspielte am 28. Spieltag eine 2:0-Pausenführung in Stuttgart und verlor in der Schlussminute 2:3. „Hätten wir dort gewonnen, wäre das ein Meilenstein gewesen. Das hat was mit uns gemacht.“ Überhaupt, immer wieder diese Nackenschläge kurz vor Abpfiff. Heidenheim schenkte den Hamburgern am 33. Spieltag in der 95. Minute das 2:1 ein. Die im März auferlegte Corona-Pause und die anschließenden Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit erwiesen sich „auf jeden Fall“ als Faktor, meint Leibold: „Wenn die Hütte leer ist, ist das schon ein anderes Gefühl und du gehst automatisch anders ins Spiel. Aber das sollte keine Ausrede sein, die Qualität der Mannschaft hatte sich ja nicht verändert.“ Zuvor war das Faninteresse aber auch ohne Einschränkungen erneut leicht abgeebbt: bei „nur“ vier von zwölf Heimspielen kamen über 50.000 Zuschauer, der Schnitt lag bei 47.317 Fans. An Hecking soll die Misere laut Leibold nicht gelegen haben: „Er hat eine große Aura und hohen Fußballsachverstand. Ich glaube, das Verhältnis zum Trainerteam war bis zum Ende gut.“
Das 1:5-Debakel gegen Sandhausen am 28. Juni 2020 beendet Dieter Heckings enttäuschende Amtszeit beim HSV
2020/21: Als selbst Hrubesch den HSV nicht mehr retten konnte
Drittes Zweitliga-Jahr, dritter Anlauf – nächster Kurswechsel. Und trotzdem „the same procedure as every year“. Der Tabellenzweite HSV verlor Anfang April 2021, am 27. Spieltag, drei sicher geglaubte Punkte, gab einen 3:0-Vorsprung nach Aaron Hunts Dreierpack in Hannover aus der Hand. Die bekannte Negativspirale setzte sich in Bewegung. Vier weitere sieglose Partien und das Aus für Trainer Daniel Thioune folgten. „Wir hatten so viel Erfahrung auf dem Platz, dass wir das Ding niemals aus der Hand hätten geben dürfen. Aber so ist Fußball manchmal: Dann schießt der Gegner ein Tor und noch eins – und das Flattern fängt an“, erinnert sich Tim Leibold an den 4. April 2021, der den Anfang vom nächsten Ende einleitete.
Mit Terodde und Ulreich
Alle HSV-Transfers 2020/21
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Nach „ausführlichen Analyse- und Ausrichtungsgesprächen“ hatte der HSV die Zusammenarbeit mit Dieter Hecking im vorherigen Sommer beendet, und Sportvorstand Jonas Boldt sah sich dadurch gezwungen, „einen veränderten Weg einzuschlagen“. Für den aufstrebenden Osnabrück-Trainer Thioune wurde eine Ausstiegsklausel in Höhe von 300.000 Euro gezogen. Mit nach Hamburg brachte der Ex-Profi seinen Assistenten, einen gewissen Merlin Polzin. Das auf Erfahrung basierende „Säulenspieler“-Prinzip sollte die Wahrscheinlichkeit auf die Bundesliga-Rückkehr drastisch erhöhen. Neben Osnabrücks Defensiv-Allrounder Moritz Heyer (für 650.000 Euro) und Hoffenheims ablösefreiem Mittelfeldtalent Amadou Onana kamen die Routiniers Klaus Gjasula, Zweitliga-Torgarantie Simon Terodde, Toni Leistner und Sven Ulreich – allesamt zum Nulltarif. Bayern-Keeper Ulreich wurde Daniel Heuer Fernandes, der im Vorjahr Julian Pollersbeck verdrängt hatte, vor die Nase gesetzt. Die festen Abgänge von Pollersbeck, Berkay Özcan und Lukas Hinterseer (im Winter) brachten dem HSV 3 Mio. Euro Einnahmen. Auch die Missverständnisse Jairo Samperio und Ewerton waren schon wieder weg, genau wie der längst aussortierte Top-Verdiener Kyriakos Papadopoulos mit Vertragsende. Nach Absteiger Düsseldorf (40,6 Mio.) stellten die Rothosen mit 37,8 Mio. Euro den wertvollsten Kader der 2. Liga.
2020/21: Auch die erfahrenen Säulenspieler Simon Terodde, Toni Leistner und Sven Ulreich (v.l.n.r.) scheitern krachend mit dem HSV
Tim Leibold, der zum Nachfolger von Kapitän Hunt bestimmt wurde, erinnert sich: „Es wurde gesagt, dass Zweitliga-Erfahrung gebraucht wird. Und die Jungs wussten, wie es funktioniert. Wenn du einen Terodde in der Mannschaft hast, denkst du vielleicht: Jetzt geht es von allein, der schießt gefühlt jede Zweitliga-Mannschaft nach oben.“ Der Mittelstürmer lieferte auch sofort, bis Saisonende gelangen ihm 24 Buden. Trainer Thioune erlebte mit fünf Siegen nacheinander einen Traumstart. Er ließ zwei Remis und drei Niederlagen folgen. Um im Anschluss sieben Dreier in neun Partien einzufahren. Doch der souveräne Spitzenreiter verfiel in alte Muster. Auch die Säulenspieler ließen sich anstecken, erwiesen sich – bis auf Terodde – nicht als Verstärkung.
„In Hamburg ist es immer das Gleiche. Gewinnst du fünf Spiele in Folge, ist alles toll. Bekommst du dreimal aufs Maul, geht es schon wieder los. Die Presse ist relativ präsent, die Jungs kriegen das mit. Genau wie die Fans und Trainer. Dann führt immer eins zum anderen“, meint Leibold, der diesmal „nur“ acht Scorer beisteuerte. „Ich war eigentlich viel mit mir selbst beschäftigt und hatte zu kämpfen. Ich war das erste Mal Kapitän in einem großen Verein. Anstatt mich auf meine eigene Leistung zu konzentrieren, wollte ich viele Gespräche mit Kollegen und dem Trainer führen. Ich habe mich selbst ein bisschen darin verloren. Und wegen Corona war zudem unklar, wohin die Reise ganz allgemein geht. Jeder war ein wenig auf sich selbst gestellt, es fand wenig im Kollektiv statt.“ Fast die ganze Spielzeit blieb der Volkspark wegen der Pandemie-Beschränkungen verwaist.
Daniel Thioune (l.) und sein Assistent Merlin Polzin wechselten im Sommer 2020 gemeinsam aus Osnabrück zum HSV – der Cheftrainer hielt sich nur 32 Pflichtspiele, sein Co blieb an der Elbe
Als die Saison schon in Trümmern lag, zog Boldt die Notbremse und überzeugte Vereinslegende Horst Hrubesch für die letzten drei Spiele. Der von Leibold „als super Trainer und Top-Mensch“ sehr geschätzte Thioune war mit seinem Latein am Ende und auch ein Stück weit überfordert. Unter ihm sei es „schwieriger als unter Dieter Hecking“ gewesen. „Zumindest wirkte das so. Es ist in dieser Zeit so viel auf Hamburg und ihn eingeprasselt. Es war immer noch Corona, dazu lief vieles falsch“, sagt Leibold in der Rückbetrachtung. „Es gab unter Hecking und Thioune ein, zwei Spiele, wo du das Gefühl hattest: Scheiße, es geht wieder in die andere Richtung.“
Das verzweifelt wirkende Hrubesch-Manöver brachte nichts mehr. „Ich glaube, das war zu spät. In drei Spielen ist es schwierig, etwas zu verändern. Horst Hrubesch hat ein bisschen auf den Spaßfaktor und Karo einfach gesetzt. Osnabrück war für uns der Schlusspunkt“, so Leibold. Das 2:3 beim schlechtesten Rückrunden-Team Osnabrück am 33. Spieltag besiegelte das vierte Zweitliga-Jahr. „Da müssen wir uns hinterfragen. Ich bin da auch noch nicht so ganz schlau. Das reicht so nicht“, kritisierte Hrubesch. Der in den Fokus geratene Boldt gab sich kämpferisch und spürte Rückendeckung. Seine Begründung: „Der HSV ist, vom verpassten Aufstieg her abgesehen, keine Lachnummer. Da gibt es andere Vereine. Diesen Zuspruch bekommt man.“
58 Punkte bedeuteten vier Zähler hinter Relegations-Teilnehmer Holstein Kiel und sogar sechs zum direkten Aufstieg. Sonny Kittel, als Stammspieler nach 18 Scorerpunkten 2019/20 diesmal für 17 Torbeteiligungen verantwortlich, bilanziert: „Das war auf dem Papier die mit Abstand beste Mannschaft, die der HSV in der 2. Liga hatte. Wenn man die Spieler durchgeht, ist es eigentlich unglaublich, dass es in dem Jahr nicht einmal für die Relegation reichte. Aber die darauffolgende Saison hat gezeigt, dass die Namen nicht entscheidend sind, sondern dass die Spieler zueinander passen und dass man gemeinsam den gleichen Weg verfolgt.“
Interimstrainer Horst Hrubesch kann es nicht fassen: Das 2:3 in Osnabrück besiegelt am 16. Mai 2021 den nächsten geplatzten Aufstiegstraum des HSV
2021 bis 2023: Dramen unter Walter und die „Totenstille“ in Sandhausen
Es ist nicht überliefert, wo der HSV heute stehen würde, hätte der Heidenheimer Goalgetter Tim Kleindienst am 28. Mai 2023 nicht in der neunten Minute der Nachspielzeit cool zum 3:2-Sieg in Regensburg eingenetzt. Die Rothosen hatten am 34. Spieltag durch einen frühen Treffer von Jean-Luc Dompé 1:0 in Sandhausen gewonnen. 66 Punkte, so viele waren es in der Hamburger Zweitliga-Historie noch nie, das musste doch diesmal reichen. Die zahlreich mitgereisten und ekstatischen HSV-Fans belagerten mit Abpfiff umgehend den Rasen, sich endlich am Ziel wähnend. Der Auftakt eines denkwürdigen Schauspiels irgendwo zwischen riesiger Erleichterung, lückenhaftem Netz und entsetzlicher Leere, die sich kurz danach breitmachte. Als der HSV sich früher mehrmals wie auch immer gerade so und unverdient in der Bundesliga halten konnte, schien er alles Glück dieser Welt gepachtet zu haben. Doch das Pendel schlug an diesem Nachmittag auf so brutale Weise zurück. Sandhausen verkam erneut zum nächsten, neuen Tiefpunkt. Denn gefeiert wurde woanders. Wieder mal.
Dramatische Szenen nach Abpfiff in Sandhausen: Tim Walter liefert mit 66 Punkten die beste Saison eines HSV-Trainers in der 2. Liga, darf aber trotzdem nicht über den Aufstieg jubeln
Sonny Kittel erinnert sich bei TM: „Ich wurde kurz vor Spielende ausgewechselt. Der eine oder andere von uns auf der Bank hatte ein Handy dabei, ich wusste also, dass das Spiel in Regensburg noch läuft. Ich war deshalb überrascht, dass vom Stadionsprecher unser Aufstieg verkündet wurde und die Fans den Platz stürmten. Ich war skeptisch, weil in Regensburg eine sehr lange Nachspielzeit angezeigt wurde. Aber klar lässt du dich davon leiten, wenn sich alle freuen. Aber es hat sich noch nicht richtig angefühlt. Du schaust dann, wer vertrauenswürdig oder möglichst gut informiert ist. Bei den Blicken zur Tribüne hat man gemerkt, dass doch nicht alles super ist. Es war extrem bitter.“ In der Kabine hätte man eine Stecknadel fallen hören können. „So eine Totenstille wie nach dem Spiel habe ich selten erlebt.“
28. Mai 2023, Tatort Sandhausen: HSV-Profi Sonny Kittel nach dem 1:0-Sieg seines Teams auf der Suche nach Informationen
Nach dem heftigen K.o. musste sich der HSV für die Relegation gegen den wiedererstarkten VfB Stuttgart aufraffen. Der mentale Knacks der Norddeutschen und die Qualität der Schwaben waren jedoch zu groß. „Es hat ein paar Tage gedauert, das zu verarbeiten, was in Sandhausen passiert ist. Das war zu spüren, ist aber auch total menschlich. Aber Tim Walter hat versucht, so wie er eben war, uns darauf vorzubereiten, dass wir noch zwei Endspiele haben. Jeder wusste, was für eine gute Mannschaft der VfB ist. Aber wir haben es im Hinspiel vielleicht zu einfach hergeschenkt. Das Spiel fängt an – und du bist nach einer Minute in Rückstand. Die Niederlage hätte auch viel höher ausfallen können, wenn man ehrlich ist“, sagt Kittel, der den Verein in jenem Sommer in Richtung Raków verlassen sollte. Der Strahl des Mittelfeldspielers zum frühen 1:0 im Rückspiel hatte für eine Emotionsexplosion und kurzzeitige Hoffnung gesorgt. „Wenn man gesehen hat, was im Stadion los war und man die Bilder heute anschaut, bekommt man immer wieder Gänsehaut.“ Am Ende standen dennoch ein klares 0:3 und 1:3 auf der Anzeige.
Zwei Aufstiegsversuche mit Trainer Walter waren fehlgeschlagen, zweimal unterlag der Dritte HSV in der Relegation. Der VfB erwies sich 2023 als Übermacht, ein Jahr zuvor lag das strauchelnde Hertha BSC ausgerechnet mit HSV-Ikone Felix Magath an der Seitenlinie eigentlich schon am Boden – doch die Hamburger gingen nicht durch die bereits weit geöffnete Tür. Die Zweitliga-Jahre vier und fünf endeten wie eins, zwei und drei: ernüchternd.
Zurück in den Sommer 2021. Jonas Boldt erhielt das Mandat für den nächsten Anlauf und drehte den HSV mit der Verpflichtung von Walter komplett auf links. Ein streitbarer Trainer, der sein Ding durchzog und keine Abweichungen kannte, für Spektakel-Fußball stand, häufig mit einer Prise Wahnsinn. Was im einen Moment für Raunen sorgte, konnte im nächsten zur sportlichen Katastrophe führen. Jener Walter, der mit seinem früheren Klub VfB im Oktober 2019 2:6 beim HSV auf die Mütze bekam, verlieh dem HSV – mit Verzögerung – allerdings neuen Schwung.
Die Hamburger machten Kasse mit dem Verkauf Amadou Onanas nach Lille, der infolge weiterer Transfers bislang sogar rund 13,6 Mio. Euro einbrachte. Sven Ulreich, Toni Leistner, Klaus Gjasula und auch Simon Terodde waren nach nur einem Jahr wieder vom Hof, mit Ex-Kapitän Aaron Hunt und dem fast vergessenen Angreifer Bobby Wood waren die letzten Spitzenverdiener aus alten Bundesliga-Tagen ebenfalls weg.
Mit Glatzel und Meffert
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Der HSV investierte 3,5 Mio. Euro in neues Personal. Stürmer Robert Glatzel, Sechser Jonas Meffert, Linksverteidiger Miro Muheim, Neu-Kapitän Sebastian Schonlau und Mittelfeldmotor Ludovit Reis bilden bis heute den Kern des Teams, dazu gesellten sich Verteidiger Mario Vuskovic, Keeper Marko Johansson und per Leihe Tommy Doyle und Giorgi Chakvetadze (Winter) fürs Mittelfeld sowie Angreifer Mikkel Kaufmann. Leibold konstatiert: „Man hatte in drei Jahren drei verschiedene Philosophien mit drei verschiedenen Trainern. Tim Walter hatte seine ganz eigene Spielidee, alles über den Haufen geworfen und gesagt: ‚Wir ziehen mein Ding durch, komme, was wolle!‘“ Er selbst erlebte den neuen Coach als direkt, dieser habe „von Anfang an klar gemacht: ‚Mit dir kann ich nichts anfangen.‘ Das Gefühl hatte ich schon sofort. Es war für mich als Kapitän schwer zu akzeptieren, vom neuen Trainer so abgesägt zu werden. Ich hatte aber noch zwei Jahre Restvertrag, wollte Gas geben und schauen, was passiert. Mit dem Kreuzbandriss war die Saison nach elf Spielen für mich beendet“, so Leibold.
Jetzt mitreden: Alle Themen rund um den HSV
HSV forderte Schalke und Werder heraus – mit neuem Gemeinschaftsgefühl
Die Aufstiegsfavoriten waren mit den Absteigern Schalke und Werder Bremen erstmals andere, wenngleich der HSV beim Kaderwert mit 39,1 Mio. Euro wieder oben mitspielte – hinter dem SVW (53,9 Mio.) und vor S04 (31,7 Mio.). Die Hamburger und Walter fanden Gefallen aneinander. „Die Art und Weise, wie wir Fußball spielten, hat zu vielen Spielern gepasst und ihnen Spaß gemacht. Das Verständnis untereinander wurde besser, die Sicherheit und das Vertrauen wuchsen. Es ist ein Gemeinschaftsgefühl entstanden“, erklärt Kittel, der mit neun Treffern und 16 Assists seine beste Zweitliga-Saison an der Elbe hinlegte. Aber auch unter Walter geriet man in der Rückrunde in den gefürchteten Negativlauf, schaffte zwischen Spieltag 23 und 29 nur einen Sieg. Das 0:1 in Kiel Mitte April 2022 hätte fast das Aus des Coaches bedeutet. Durch einen Kraftakt mit fünf Siegen in Folge hievte sich das Team aber erstmals im Unterhaus auf den Relegationsrang. Ein Fortschritt zu den Vorjahren. Mittendrin der Vorstoß bis ins Pokal-Halbfinale gegen Freiburg (1:3). Und am 33. Spieltag gegen Hannover (2:1) erlebte der HSV nach der Aufhebung der Corona-Restriktionen erstmals wieder eine volle Hütte mit 57.000 begeisterten Fans.
„Es war so, dass wir eigentlich eh nichts mehr zu verlieren hatten. Wenn du merkst, dass du schon alles aus der Hand gegeben hast, spielst du locker auf – und dann entsteht wieder eine Dynamik“, so Kittel. Der 1:0-Sieg im Relegations-Hinspiel bei Hertha durch Ludovit Reis‘ Geniestreich roch stark nach Bundesliga, war für den Gießener Kittel ein „unfassbares und emotionales Spiel“. Reichte trotzdem wieder nicht gegen eigentlich schon am Boden liegende Berliner. „Vielleicht hat jeder schon gedacht: Heute ist ein perfekter Tag. Meine Tochter hatte an dem Montag Geburtstag. Es war alles zu schön, um wahr zu sein“, blickt Kittel auf das Rückspiel zurück. „Der Spielverlauf in Berlin hat uns das Gefühl gegeben, dass wir sie zuhause schlagen können. Und so sind wahrscheinlich alle ins Stadion gegangen. Die ganze Arbeit war mit dem Rückstand nach vier Minuten in der Tonne. Du hast im ganzen Stadion und in der Mannschaft gemerkt: Fuck, auf diese Situation waren wir nicht vorbereitet. Mit dem Vorsprung im Rücken war es von uns allen einfach zu wenig. Wir haben eine Riesenchance vergeben, nachdem wir schon mit einem Schritt wieder in der Bundesliga waren.“
Die HSV-Profis klatschen nach der verlorenen Bundesliga-Relegation im Mai 2022 gegen Hertha BSC mit ihren Fans ab
Manager Boldt setzte nach seinem dritten gescheiterten Aufstiegs-Versuch weiter bedingungslos auf den Weg mit Walter. „Ich habe die Schublade voller Ideen“, meinte der nie um selbstbewusste Worte verlegene Sportchef. „Solange ich die Chance habe, werde ich weiter vorangehen.“ Das Team um Kittel musste sich im Sommer 2022 erst einmal sammeln. „Für mich persönlich war es sehr schwer, aber irgendwann ging es halt weiter. Natürlich habe ich mir viele Gedanken gemacht, wie es weitergeht. Es gab wie in jedem Jahr einen gefühlten Umbruch mit acht, neun Spielern. Das Ganze braucht dann etwas Zeit. Trotzdem haben wir es immer wieder hinbekommen, oben dabei zu sein und am Aufstieg zu kratzen. Das ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt Kittel.
Mit Bénes und Dompé
Alle HSV-Transfers 2022/23
Hier gehts lang!
Der Mittelfeldmann führt aus: „Die Achse ist zum größten Teil zusammengeblieben, der Fußball hat sich auch nicht verändert. Zum ersten Mal in der HSV-Geschichte ist der Trainer über die Saison hinaus in der 2. Liga geblieben. So konnten wir uns weiterentwickeln und unser Selbstverständnis ausbauen, die neuen Spieler hatten es einfacher, ein Teil davon zu sein.“ Spielmacher László Bénes, die Angreifer Ransford Königsdörffer und Filip Bilbija, Flügelflitzer Jean-Luc Dompé, Außenverteidiger-Talent William Mikelbrencis und Keeper Matheo Raab stießen dazu, im Winter folgten per Leihe die Defensivkräfte Javi Montero und Noah Katterbach sowie der junge, aber glücklose Stürmer András Németh. Einschließlich gezogener Kaufoptionen zahlte der HSV 9,8 Mio. Euro (ligaweit klar Spitze) an Ablösen, dem gegenüber standen 4 Mio. Transfereinnahmen, hauptsächlich durch den Verkauf von Josha Vagnoman an den VfB. Faride Alidou, Manuel Wintzheimer, Jan Gyamerah, David Kinsombi & Co. gingen ablösefrei oder auf Leihbasis. Das machte in Summe 36,8 Mio. Euro Kaderwert für den nächsten Versuch, Top-Wert in der 2. Liga.
Der Rückhalt der Anhänger war ungebrochen, mit im Schnitt 53.470 Fans strömten so viele Zuschauer ins Volksparkstadion wie seit 2015/16 nicht – siebenmal wurde ausverkauft gemeldet. Auf eine Sternstunde wie den 4:3-Derbysieg gegen St. Pauli im April 2023 folgte eine Woche später mit dem 2:3 in Magdeburg am 30. Spieltag jedoch wie in den Vorjahren ein bitterer Rückschlag. Zwischen dem 24. und 31. Spieltag gab es ohnehin nur zwei Siege. Und zu guter Letzt das Drama in Sandhausen.
Das blanke Entsetzen im Frühjahr 2023: Die Mannschaft des HSV, nachdem klar war, dass der 1. FC Heidenheim in letzter Sekunde doch noch vorbeigezogen ist
„Wir haben es des Öfteren in der Zweitliga-Geschichte über Wochen nicht hinbekommen, die Siege einzufahren, um Luft zu haben“, gibt Kittel zu. „Im Endeffekt hatten wir in allen Jahren genügend Chancen, aber haben es aus unterschiedlichen Gründen immer wieder aus der Hand gegeben.“
Erschwerend für die Hamburger Gemütslage: Beim bis dato überzeugenden Verteidiger Mario Vuskovic wurde im Herbst 2022 bei einer Trainingskontrolle die unter der Kurzform Epo bekannte Substanz Erythropoetin nachgewiesen. Der Kroate wurde zunächst vorläufig und im Frühjahr 2023 für mindestens zwei Jahre gesperrt – später wurde die Sperre sogar auf vier Jahre ausgeweitet. Ein menschliches wie sportliches Desaster. Aber nicht verantwortlich für den nächsten Nicht-Aufstieg, findet Kittel: „Das war eine Ausnahmesituation, kommt im Fußball sehr selten vor. Was wir dazu in der Kabine mitbekommen haben, ging nicht spurlos an uns vorbei. Du denkst an den Jungen, mit dem du tagtäglich zusammenarbeitest. Aber eigentlich war das für uns nicht der Knackpunkt. Wir hatten Spieler, die das auf seiner Position hätten auffangen können – auch wenn Mario ein Top-Spieler ist.“ Vuskovic wurde in den nachfolgenden Transferperioden nie gleichwertig ersetzt.
Der kroatische Innenverteidiger Mario Vuskovic ist bis zum 15. November 2026 gesperrt – ab dann hat er eine stark leistungsbezogene Vereinbarung mit dem HSV
2023/24: Baumgarts ausbleibender Zauber nach der Walter-Ära
Der Worst Case, der absolute Alptraum war gerade noch einmal abgewendet worden: Der FC St. Pauli bejubelt den Bundesliga-Aufstieg im Volksparkstadion, während der HSV weiterhin in der 2. Liga kickt. Eigentlich unmöglich, aber doch so nah. Die Strafe für jahrelanges Dahinsiechen im Unterhaus. Nur ein Sieg der Braun-Weißen fehlte. „Von außen betrachtet wäre es gewissermaßen das perfekte Ende“, frohlockte St. Paulis Kapitän Jackson Irvine. Da war schon Gewissheit, dass der Stadtrivale zum ersten Mal seit 70 Jahren eine Saison vor dem HSV abschließen würde. Robert Glatzels Kopfball in Minute 85 nach Nikola Vasiljs Fehler im FCSP-Tor zerstreute die Gedanken ans Schlimmste. „Eigentlich ist dieses Spiel ein Sinnbild für die letzten Jahre. Wir mussten viele Widerstände angehen“, meinte Boldt. Widerstände, für die man in der Regel selbst verantwortlich war.
Der HSV mit Jean-Luc Dompé (l.) und Jonas Meffert (r.) entscheidet am 3. Mai 2024 das letzte Stadtderby zwar für sich, Oladapo Afolayan und der FC St. Pauli enteilen den Rothosen in jenem Frühjahr aber Richtung Bundesliga
Die Ernüchterung nach der zweiten verlorenen Relegation im Sommer 2023 hatte zunächst wie ein schwerer Teppich über dem Verein gelegen. Trainer Tim Walter schüttelte den neuerlichen Misserfolg ab und meinte: „Die Menschen merken, dass wir alles geben für diesen Verein. Wir haben uns auch in diesem Jahr weiterentwickelt und ein Fundament geschaffen.“ Der Traditionsklub schien sich dennoch endgültig im Unterhaus festzusetzen. Aus den lange Zeit Unabsteigbaren wurden die Unaufsteigbaren. Daran änderte auch der selbstbewusste Trainer nichts. Sein vollmundiges Versprechen aus dem vorangegangenen April – „Wir wissen, dass wir aufsteigen“ – hielt er nicht ein.
Trotzdem wollte Kompagnon Jonas Boldt nicht von Walter abrücken, „selbstverständlich“ sollte es in dieser Konstellation weitergehen. Kapitän Sebastian Schonlau betonte: „Auf dem Weg, den wir seit zwei Jahren eingeschlagen haben, wurde sehr viel richtig gemacht. Es wurde eine Einheit mit der Stadt und den Fans geschaffen. Der HSV hat wieder eine Identität, die Leute kommen gern ins Stadion.“ So war es zweifelsfrei. Bloß wurden Emotionen wichtiger als Ergebnisse. Der Verweis auf Zusammenhalt und Kontinuität hielt das unzertrennlich wirkende Duo Walter und Boldt erneut über Wasser. „Wir werfen alles in die Waagschale, um aus der Liga herauszukommen. Leider kann man einen Aufstieg im Sport nicht garantieren. Es macht einen Verein aus, durch diese Situation zusammen durchzugehen“, betonte Boldt nach seinem vierten gescheiterten Versuch.
Konnten gut miteinander, bis es im Februar 2024 zusammen nicht mehr beim HSV weiterging: Sportvorstand Jonas Boldt (l.) und Trainer Tim Walter
Bis auf Sonny Kittel, der nach 76 Torbeteiligungen in 140 Einsätzen vergeblich auf ein neues Vertragsangebot wartete, blieben alle Stammspieler. Der von Walter aussortierte Tim Leibold hatte bereits Anfang 2023 ablösefrei den Abflug in Richtung Kansas City gemacht. Beide Profis sind bis heute miteinander verbunden. „Wir haben uns so oft darüber unterhalten, woran es gelegen hat. Ich glaube, es waren am Ende viele Kleinigkeiten, die dafür sorgten, dass wir es nicht gepackt haben. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand den einen Grund nennen kann. Die Gründe sind – glaube ich – bis heute irgendwo vergraben“, sagt Leibold.
Mit Pherai und Öztunali
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Offensivmann Immanuel Pherai, Rechtsverteidiger Ignace Van der Brempt (Leihe), Verteidiger Gui Ramos, Mittelfeldmann Lukasz Poreba plus im Winter Angreifer Masaya Okugawa (Leihe) sowie erneut Linksfuß Noah Katterbach (fest aus Köln) stießen dazu – der Kern des Teams blieb unangetastet. Van der Brempt, Poreba und Katterbach erwiesen sich im Ansatz als Verstärkung, Pherai floppt bis heute weitestgehend, Okugawas Verpflichtung (102 Spielminuten!) blieb ein Rätsel. Eine Million Euro wurden investiert, ebenfalls eine Million gab es für die Verkäufe von Maximilian Rohr und Filip Bilbija. Den größten Hype sollte die ablösefreie Rückkehr von Uwe Seelers Enkel Levin Öztunali von Union Berlin erzeugen. Was völlig nach hinten losging. „Mit seiner professionellen Einstellung, seiner Power und der hohen Identifikation mit dem HSV stellt er einen wichtigen Faktor in unserer Kaderzusammenstellung dar“, erklärte Boldt. Der gebürtige Hamburger, der 2022/23 nur acht Minuten in der Bundesliga gespielt hatte, stand für den HSV in der 2. Liga bescheidene 652 Minuten auf dem Platz, blieb ohne Tor und Vorlage und wurde in der darauffolgenden Saison sogar in die U21 abgeschoben. Das HSV-Aufgebot war in Sachen Kaderwert im September 2023 mit 42,5 Mio. Euro erneut das Nonplusultra vor Absteiger Hertha (40,7 Mio.). Beste Voraussetzungen für das sechste Zweitliga-Jahr in Folge.
Der spektakuläre 5:3-Auftakt gegen Absteiger Schalke verzückte den Volkspark, ein Remis und drei Siege folgten. Ein verheißungsvoller Saisonstart, eingerissen durch zwei 1:2-Pleiten bei den Underdogs Elversberg und Osnabrück. Die bösen Geister waren wieder da. Das Ende von Walters Ära war nach zwei 3:4-Heimniederlagen gegen Karlsruhe und Hannover zum Rückrundenauftakt selbst für Boldt unausweichlich. Nach 21 Spieltagen hatten die Norddeutschen die schwächste Ausbeute und mit Abstand die meisten Gegentore (31) in ihrer fünfeinhalbjährigen Zweitliga-Historie aufzuweisen. Im Vorjahr hatte der HSV sogar sieben Punkte mehr auf dem Konto. Co-Trainer Merlin Polzin bekam das Vertrauen für das Gastspiel in Rostock, konnte sich durch ein wildes 2:2 aber nicht dauerhaft empfehlen.
(Ex-)Hoffnungsträger in gewohnter Pose: Steffen Baumgart stand am 25. Februar 2024 gegen Elversberg (1:0) zum ersten Mal als HSV-Trainer an der Seitenlinie
Mit dem seit seinem Köln-Aus verfügbaren und erklärten HSV-Fan Steffen Baumgart („Ich bin hier am richtigen Ort“) war die große Lösung gefunden. Der stand jedoch für eine völlig andere Spielweise als Walter, Pressing statt Ballbesitzfußball. Boldt hätte laut dem „Hamburger Abendblatt“ eigentlich lieber Bo Svensson oder Lukas Kwasniok geholt, auch der spätere Sportvorstand Stefan Kuntz soll eine Variante in seinen Überlegungen gewesen sein. Der Manager geriet selbst immer mehr in die Schusslinie, einzelne Aufsichtsräte befürworteten Vereinsikone Felix Magath für eine Doppellösung als Trainer und Sportvorstand. „Wenn man mich nur anhand von Ergebnissen oder Transfers, die im Gesamtkonstrukt nach drei Wochen noch nicht eingeschlagen sind, beurteilt, dann hat man meine Rolle noch nicht ganz verstanden“, teilte Boldt Ende März gegen interne Kritiker aus.
Im Transferwinter bemühte sich der HSV erfolgslos um Torino-Verteidiger David Zima – und verzichtete ganz auf notwendige Defensiv-Verständigung. Ein klares Versäumnis. Hoffnungsträger Baumgart startete mit einem 1:0 gegen Elversberg, um danach zuhause gegen Osnabrück (1:2) und in Düsseldorf (0:2) auf die im Fanshop vielfach verkaufte Schiebermütze zu bekommen. Den Profis schlug nach dem Abpfiff bei der Fortuna die blanke Wut der eigenen Anhänger entgegen, der Rückhalt war nach Jahren des unerschütterlichen Dauer-Supports kurzzeitig aufgebraucht.
Stimmungsumschwung: Der HSV verliert am 8. März 2024 in Düsseldorf und bekommt die Wut seiner Anhänger zu spüren
Baumgarts Zauber entfaltete sich bis Saisonende nicht mehr. Nach einem 0:1 in Paderborn am 33. Spieltag – und final sechs Siegen, zwei Remis und vier Niederlagen – war ein siebtes Zweitliga-Jahr Gewissheit. „HSV-Fußball nahe der Nulllinie“, schrieb der „NDR“ treffend. Baumgarts Mannschaft hing anfänglich noch zu sehr am „Walterball“. Das sahen auch die im Schnitt 55.960 HSV-Fans im Volkspark (neunmal ausverkauft!) – erstaunlicherweise so viele wie noch nie in der Vereinshistorie.
2024/25: Kuntz' Zaudern ebnet Weg für Polzin – Blanke Panik vor dem Ziel
„Das Volksparkstadion ist kein Ort für Zweifel“, appellierte Merlin Polzin Ende April an alle, die es mit dem HSV halten. Sein Team erreichte der Trainer mit dieser Botschaft offenbar nicht. Die blanke Angst war zurück. Drei Punkte Vorsprung auf Platz 3, noch drei Spiele. Nie in seiner Zweitliga-Zeit stand der HSV so dicht vor dem Aufstieg. Dennoch herrschte Entsetzen. Denn er schien urplötzlich wie das Kaninchen vor der Schlange zu erstarren. Nichts ging mehr. 2:4 gegen Abstiegskandidat Braunschweig, ein fahriges 2:2 bei 90 Minuten in Unterzahl spielenden Schalkern und ein hochverdientes 1:2 gegen Karlsruhe an den Spieltagen 29 bis 31. Das Nervenflattern hatte den Volkspark im Griff. Verspielt der HSV wieder alles? Trotz der ebenso gelähmten Konkurrenz, die den Rothosen Chance um Chance gewährte? Mit dem 1. FC Köln und den Hamburgern befand sich das schwächste Führungsduo der Zweitliga-Geschichte an der Spitze. 54 bzw. 53. Punkte nach 31 Spieltagen. Vor einem Jahr hätte man mit dieser bescheidenen Ausbeute acht Zähler hinter den direkten Aufstiegsplätzen gelegen. Glück, das nicht dauerhaft überstrapaziert werden sollte. Wenn nicht jetzt zurück in die Bundesliga, wann dann?
Frust nach dem 1:2 gegen Karlsruhe am 27. April 2025: Die HSV-Profis halten vor der Nordtribüne ein Banner mit der Aufschrift „Gemeinsam unaufhaltsam“ hoch
Große Namen wie Jörg Schmadtke, Felix Magath, Oliver Bierhoff oder Hasan Salihamidzic waren im Sommer 2024 durch den Volkspark gegeistert. Der HSV-Aufsichtsrat hatte für „einen neuen sportlichen Impuls“ Ende Mai die Bremse gezogen, Sportvorstand Jonas Boldt nach fünf gescheiterten Anläufen folgerichtig freigestellt. Und schließlich Stefan Kuntz installiert. Der für die Kaderzusammenstellung mitverantwortliche Direktor Profifußball Claus Costa blieb dagegen im Amt. „Wir hatten beim HSV zu viele Phasen, in denen wir nicht selbstkritisch genug gewesen sind – gerade bei Erfolg“, verriet der ehemalige Aufsichtsratschef und scheidende Präsident Marcell Jansen bei „Sport Bild“. Der Ex-Profi und Manager Boldt hatten zu oft in verschiedene Richtungen gedacht. „Im Gegensatz zu ihm war ich immer Fan davon, dass wir eigentlich zwei Top-Stürmer brauchen, um aufzusteigen“, äußerte Jansen. Ein Manko, das erst Nachfolger Kuntz beheben sollte. Der Europameister von 1996 setzte, anders als Boldt es getan hätte, zudem weiter auf Trainer Steffen Baumgart, um diesem eine komplette Vorbereitung zu ermöglichen.
Mit Sahiti und Richter
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Das Team wurde in der Breite aufgerüstet: Für Neuzugänge wie Silvan Hefti, Emir Sahiti, Daniel Elfadli, Lucas Perrin, den Bundesliga-erfahrenen Marco Richter und Adam Karabec (beide per Leihe) wurden 9,35 Mio. Euro auf den Tisch gelegt – eine Summe, die selbst von sechs Bundesligisten nicht erreicht wurde. Miteingerechnet die im Winter teuer verpflichteten Perspektivspieler Alexander Røssing-Lelesiit und Aboubaka Soumahoro sowie leihweise Adedire Mebude, die aber keine Rolle spielten. Der Abgang des im Vorjahr mit 27 Torbeteiligungen so starken Antreibers László Bénes schmerzte, der Slowake ging für festgeschriebene 3 Mio. Euro zu Union Berlin. Im Kaderwert-Vergleich nach der Sommer-Transferperiode reichte es mit 45 Mio. Euro diesmal „nur“ zu Platz 3 hinter Absteiger Köln (70,2 Mio.) und Hertha (48,3 Mio.). „Ich glaube, dieses Jahr ziehen wir es auch durch“, meinte Kuntz. Auf erfahrene Sofort-Verstärkung für die Defensive wurde für die zweite Saisonhälfte verzichtet – ein Wagnis, das sich im Saisonfinish rächt. Der Aufstieg ist mit diesem Aufgebot dennoch alternativlos.
Zum entscheidenden Baustein avancierte einer, der von einem Großteil der Fans zunächst sehr kritisch gesehen wurde: Der ablösefreie Kölner Sturmtank Davie Selke kam dank seiner Verbindung zu Baumgart und Kuntz. Der Trainer wollte mit einer Doppelspitze agieren können. Ein Plan, der voll aufging. Aber nicht als Doppelspitze, sondern vor allem als gleichwertiger Ersatz für den länger verletzten Goalgetter der Vorjahre, Robert Glatzel. Selke stieg zum besten Zweitliga-Knipser und Antreiber auf, der oftmals gefehlt hatte, wenn es in die Crunchtime ging. Zumal es mit dem schwächelnden und nicht mehr gesetzten Anführer Sebastian Schonlau, Jonas Meffert & Co. genug Gesichter gab, die vom mehrfachen Scheitern geprägt waren.
„Davie Selke hat die Erwartung mehr als erfüllt – sportlich und in der Kabine. Bei ihm bin ich sehr dankbar, dass wir dem Rat von Steffen Baumgart und seinem Team sowie von Stefan Kuntz folgen konnten“, sagte Manager Costa, der 2019 als Chefscout angefangen hatte, der „Bild“. Neben Selke schlug der Ex-Magdeburger Elfadli, ob als Sechser oder Innenverteidiger, ein. Richter, Perrin (schon im Winter wieder weg) und Hefti floppten. Die Entscheidung, Baumgart eine zweite Chance zu gewähren, erwies sich als Fehler. Das 2:2 nach 2:0-Führung gegen ein wackeliges Schalke am 13. Spieltag mit dem Abrutschen auf Platz acht war zu viel. Das Missverständnis mit dem Rostocker wurde beendet. „Ich bin mir relativ sicher, dass ich relativ weit oben war, als ich gegangen wurde. Da werden in anderen Vereinen Verträge verlängert“, meinte Baumgart im Anschluss bei seiner Präsentation bei Union Berlin. Eine sonderbare Wahrnehmung.
Von wegen Perfect Match: Steffen Baumgart muss nach nur 27 HSV-Spielen mit einem Punkteschnitt von 1,59 im November 2024 gehen
Kuntz verschaffte sich Zeit und beförderte erneut Polzin. Prüfte parallel weitere Optionen wie Lukas Kwasniok und den bereits zweimal als HSV-Coach tätigen Bruno Labbadia. Kwasniok erhielt keine Freigabe vom SC Paderborn, Polzin nutzte währenddessen seine letzte Chance beim 5:0 gegen Fürth kurz vor der Winterpause. Kuntz beendete seine Hängepartie, sagte Labbadia ab und setzte auf die Dauerlösung Polzin.
Der 34-Jährige machte zwar vermeidbare Fehler mit einigen Personalentscheidungen wie dem Festhalten an Schonlau, wuchs aber an seiner Aufgabe. An seiner Seite die noch jüngeren Assistenten Loïc Favé (32) und Richard Krohn (29). Der HSV stellte die beste Offensive der 2. Liga, war zunächst auch defensiv stabiler. Was dem knurrigen Baumgart nicht gelungen war. Der genauso wenig mit dem wankelmütigen Flügelflitzer Jean-Luc Dompé warmgeworden war und das öffentlich zur Schau getragen hatte. Polzin wiederum gewährte dem Franzosen seine Freiheiten, was ihn zu einem der Top-Spieler der Zweitliga-Saison werden ließ.
Der HSV brilliert am 8. März 2025 gegen Fortuna Düsseldorf (4:1), Maskenmann Davie Selke, Jean-Luc Dompé und Co. jubeln
Mittelfeldmann Meffert sagte der „Mopo“: „Merlin hat es als Chefcoach geschafft, die Beziehung zu uns minimal zu verändern, als Typ aber gleichzubleiben. Das stelle ich mir so, so schwierig vor.“ Polzins Team startete durch bis an die Tabellenspitze. Dann kam Braunschweig. Elfadli gab sich via „Bild“ weiter selbstbewusst: „Wovor sollen wir uns verstecken? Jeder weiß, was für eine Qualität wir haben.“ Die Einstellung sei: „Das lassen wir uns nicht mehr nehmen.“ Nach dem Abpfiff auf Schalke ging Dompé im Spielerkreis auf seinen Landsmann William Mikelbrencis los. Kaum ein HSV-Profi erreichte im Saisonfinale Normalform. Das zwischenzeitliche Fehlen des spielstarken Linksverteidigers Miro Muheim machte sich drastisch bemerkbar, sieben Hamburgern blühte eine Gelbsperre. Obendrein drohte ein Streit um hohe Ticketpreise zwischen den HSV-Ultras und der Vereinsführung zu eskalieren. Der anschließende abgezockte 4:0-Erfolg in Darmstadt am 32. Spieltag kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Dazu passt, dass sich Kapitän Schonlau nach seiner Herausnahme hervorragend in den Dienst der Mannschaft stellte und auf der Zielgeraden seine Stärke wiederfand. Es konnte tatsächlich nichts mehr schiefgehen. Diesmal wirklich. Das 6:1 gegen den SSV Ulm besiegelte am 33. Spieltag den Aufstieg.
Ex-Hamburger Kittel sagt: „In diesem Jahr gab es nicht den einen Verein, der vorne wegmarschiert. Daher war die Chance diesmal umso größer. Sonst war es so, dass Mannschaften, mit denen nicht zu rechnen war, eine herausragende Saison hatten.“ Auch der frühere Kapitän Leibold erkennt eine deutliche Entwicklung unter dem ehemaligen Assistenten Polzin, meint Anfang April: „Am Ende war es unter Tim Walter so, dass der Trainer auf einer anderen Ebene stand als die Mannschaft und Mitarbeiter und Physios. Ich finde, das wirft ein komisches Bild auf. Das Gefühl habe ich bei Merlin Polzin und seinen Co-Trainern von außen betrachtet nicht. Das wirkt wie ein verschworener Haufen, zudem gibt es eine Verbundenheit zu den Fans, die Tim Walter über Jahre aufgebaut hat – das muss man festhalten. Von der Qualität her müsste der HSV wahrscheinlich haushoch Meister werden.“ Das passierte zwar keineswegs. Aber der Hamburger Seele und den im Schnitt über 56.000 Fans – neuer Zuschauer-Rekord im Volkspark – darf es herzlich egal sein.
Trainer Merlin Polzin (34) ist seit dem 22. Dezember 2024 auch offiziell Cheftrainer des HSV
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